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13.05.2013

Abendzeitung München: Gemurmelte Kalauer

Das 50. Berliner Theatertreffen, die Leistungsschau der deutschsprachigen Bühnenhäuser, besticht bislang eher durch die Schauspieler als durch die Inszenierungen

Was tun, wenn man 50 wird und nicht damit zu rechnen ist, dass einem irgendjemand eine Party schmeißt? Man feiert sich selbst. Bei "50 Jahre Theatertreffen – Fahrt und Fest" wurden die Gäste durch Berlin gekarrt, um dort wie auch beim anschließenden Fest im Stammhaus in der Schaperstraße erinnerungsselig durch die Jahrzehnte zu zappen, in denen das Theatertreffen die zehn "bemerkenswertesten" deutschsprachigen Inszenierungen nach Berlin einflog. Gegründet wurde es mal als kultureller Rosinenbomber für die eingeschlossenen West-Berliner, längst ist eine Leistungsschau der großen Häuser draus geworden.

Die Münchner Bühnen waren mit großer Regelmäßigkeit mit dabei, vor allem die Kammerspiele von Dieter Dorn bis Johann Simons scheinen ein Abo zu besitzen. Zur Halbzeit der 50. Ausgabe waren sie mit Simons’ Inszenierung der Kammerspiel-Jubiläumsshow "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" angereist, Elfriede Jelineks kalauernde Maximilianstraßen-Abrechnung. Auf dem schmelzenden Eis der Bühne wickelte hier vor allem Sandra Hüller Publikum und Kritiker um den Finger. Bei ihr klingen die Jelinek-Sätze wie eben erfunden, die sie über einer dunkel brodelnden Hysterie seufzt, gurrt und singt. Auch Simons’ Inszenierung bekommt freundlichen Applaus – sie ist zwar nicht bahnbrechend, aber serviert den Münchner Mode-Dschungel angenehm kühl und trocken. Und Benny Claessens Moshammer-Parodie prickelt so bittersüß und tragikomisch, dass man zum Ende der drei Stunden wieder hellwach ist.

So richtig "bemerkenswert" sind in diesem Jahr ohnehin eher die Schauspieler als die Inszenierungen. Was wäre Michael Thalheimers Frankfurter "Medea" ohne Constanze Becker? Eine ziemlich pathosdröhnende Bedeutungshuberei. Mit ihr wird ein packendes Fremdheitsdrama draus: Wie sie auf ihrem hohen Podest an der Rückwand des sonst leeren Bühnenraumes barmt und zischt, heult und brüllt und dabei jedes ihrer Worte aufs Gramm berechnet, ist Divenshow und Emotionsglutkern zugleich.

Mit zwei Stunden gehört "Medea" zu den kurzen Abenden des bisherigen Theatertreffens, unterboten nur von Katie Mitchells sentimentaler Live-Filmdreh-Version von Friederike Mayröckers Erzählung "Reise durch die Nacht" aus Köln. Und von Herbert Fritschs aberwitziger Nonsense-Schau "Murmel Murmel" an der Berliner Volksbühne, eine bizarre, himmelschreiend komische Körperteilverdrehungsorgie mit nicht enden wollenden Variationen des einen "Murmel"-Wortes.

Wer bei dieser formvollendeten Irrsinns-Feier nicht lacht, muss in den Keller gehen. Zum Beispiel den der Geschichte. Nach seinem fulminanten Münchner "Kleiner Mann, was nun?" von 2009 hat sich Luk Perceval am Hamburger Thalia Theater Hans Falladas doppelt so dicken Nazi-Widerstandsroman "Jeder stirbt für sich allein" vorgenommen. Eine solche Textmenge ist auch in viereinhalb Stunden kaum zu stemmen. Perceval schafft’s – wer die Vorlage nicht kennt, kriegt trotzdem alles mit zwischen ruhiger Erzählung und kabarettistisch zugespitzten Szenen vor einer riesigen Berlin-Karte aus Alltagsgegenständen. Allerdings hängt der Abend trotz grandioser Leistungen von Barbara Nüsse, André Szymanski Mirco Kreibich und Co. zuweilen durch und bleibt die Antwort schuldig, warum der Roman unbedingt auf der Bühne erzählt werden muss.

Anders Sebastian Hartmanns grandiose und grandios scheiternde Leipziger "Krieg und Frieden"-Adaption: Er erzählt Tolstois 2000-Seiten-Epos der Napoleonischen Kriege aus russischer Sicht nicht nach, sondern ballt die Themen, klopft sie aufs allgemein Menschliche ab. Auf der spektakulären Bühne wuseln die Menschlein zwischen zwei riesigen kippenden und sich hebenden Flächen und kämpfen – oft vergebens – ums kleine Glück im Weltenbrand.

Beim Zertrümmern und wieder Zusammenfügen des Riesen-Stoffs rutscht der Castorf-Schüler Hartmann hin und wieder ins Kalauern. Dennoch ist "Krieg und Frieden" zur Theatreffen-Halbzeit der bislang "bemerkenswerteste" Zugriff auf einen Text. Die Münchner Münchner Kammerspiele haben allerdings noch eine Chance, in Berlin zu punkten: Mit "Orpheus steigt herab" endet in einer Woche das Festival.


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