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22.05.2013

Abendzeitung München: Und mittendrin ein paar Lichtblicke

Beim ziemlich faden 50. Theatertreffen in Berlin überzeugen wenigstens die Schauspieler

Am Ende wird dann doch noch einmal alles gut: Jubel für Wiebke Puls, Annette Paulmann, Silvana Krappatsch und Risto Kübar nach dem zweiten Gastspiel der Münchner Kammerspiele. Sebastian Nübling hat Tennessee Williams’ etwas geschwätziges, verwinkeltes Frühwerk "Orpheus steigt herab" klug auf seinen Kern reduziert. Geschwafelt wird jetzt kaum noch, dafür hört, sieht und versteht man alles: Wenn die Hunde bellen, das Motorrad knattert und Annette Paulmann langsam mit blondem Haarberg über die Bühne wackelt, zieht sich schmerzhaft die Schlinge der geistigen Südstaaten-Enge zu. Von der Decke hängt kopfüber Eva-Maria Bauers Karussell, das Lebenstrotz-Projekt von Puls' Lady, unter dem Risto Kübars rätselhafter Fremde umherschwankt, ein Schlangenmensch mit Sehnsuchtsstimme.

Nüblings Abend bleibt leise und packt dennoch – eine bemerkenswerte Leistung beim fadesten Theatertreffen der letzten Jahre. Den Kern der zehn eingeladenen Inszenierungen bildete nämlich ausgerechnet in der Jubiläumsspielzeit (50 Jahre!) die Stangenware des gehobenen Stadttheaterbetriebs. In der zweiten Halbzeit waren das etwa Gerhart Hauptmanns "Ratten" aus Köln, inszeniert von Karin Henkel (die mit ihrem Münchner "Macbeth" im vergangenen Jahr die Latte so deutlich die Berliner Latte riss). Die spielen bei ihr im Fundus des Theaterdirektors Hassenreuther: rein ins Kostüm, Lichtwechsel, Klagestimme, schon dreht sich die Lispel-Komödie in die Tragödie ums Kindecken von Piperkarcka und Frau John – und kein Salomon in Sicht.

Natürlich ist Lina Beckmanns Frau John beeindruckend – dieser schwitzenden, wild glotzenden Megäre traut man jeden Mord zu. Der Rest aber verheddert sich in den Ebenen und kommt aus seiner Handwerklichkeit – Achtung, so wird Theater gemacht! – nicht mehr heraus. 2008 waren Michael Thalheimers "Ratten" eingeladen mit Constanze Beckers herzzerreißenden Frau John (die heuer als Eröffnungs-"Medea" beeindruckte) in der rückgratbeugenden Menschenpresse, und das war dann doch ein vollkommen anderes Kaliber.

Ähnlich belang- und aussagelos Sebastian Baumgartens Brecht-Nacherzählung "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" vom Schauspielhaus Zürich. Zwar gibt's alles, was man an diesem – erstaunlicherweise zum ersten Mal eingeladenen – Regisseur schätzt: grandiose Videoerweiterungen der Bühne und eine ungeheure Musikalität. Allerdings bleiben sie bei dieser milden (und auf die Dauer langweiligen) Brecht-Parodie nurmehr Selbstzitat. Auch, wenn Baumgarten versucht, Klarheit in die kapitalismuskritischen Rechnungen zu bringen: Ehe man sich's versieht, ist die Geschichte an einem vorbeigerauscht. Was auch an den blassen Schauspielern liegt: An der Teflonbeschichtung von Yvon Jansens Johanna gleiten Schmutz, Erkenntnisse und Emotionen gleichermaßen ab.

Immerhin einen weiteren Trumpf konnte die zweite Theatertreffen-Halbzeit ausspielen: "Disabled Theater" von Jérôme Bel und dem Zürcher Theater Hora – die einzige freie Produktion in diesem Jahr. Elf Schauspieler mit geistigen Beeinträchtigungen werden auf die Bühne gebeten, starren ins Publikum, nennen ihre Behinderung und tanzen ein Solo. Gerade weil die Performer hier so privat wirken, gehen sie uns an die Nieren. Dass sich beim Betrachten mitunter Protest regt – darf man das? ist das nicht Voyerismus? – liegt auch daran, dass man gewohnt ist, anders begabte Menschen zu unterschätzen. Denn die Schauspieler sind Profis, die mit den Erwartungen der Zuschauer spielen.

Eine Überraschung war es dennoch, dass Allein-Juror Thomas Thieme die Hora-Schauspielerin Julia Häusermann mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis auszeichnete. Vollkommen verdient, auch wenn damit jemand aus einem großartige Ensemble gerissen wird. Und auch wenn Risto Kübar ebenfalls ein heißer Kandidat gewesen wäre. Immerhin wurde München mit einer anderen Auszeichnung geehrt: Sandra Hüller erhielt den 3sat-Preis für ihren fulminanten Auftritt in "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall." Was noch einmal auf die Haben-Seite des 50. Theatertreffens verweist bei all den müden Regiezugriffen: grandiose Schauspielerinnen, die sich auch in mittelmäßigen Abenden bleibende Momente ertrotzten.


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