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08.06.2013

Berliner Morgenpost: Die Gewalt sieht man nur als Schattenspiel

Schuldrama "Aussetzer" am Grips-Theater im Podewil

Was er später mal machen wolle, fragt einmal die Lehrerin den Schüler. "Bewerbungen schreiben und so", antwortet er. Eine Pointe, die sitzt – und mitten ins Nahkampfgebiet Schule führt, wo vielen nicht klar ist, was sie da eigentlich sollen. So wie Chris, "der härteste Brocken von allen". Bis er eines Tages bei Frau Stöhr ankommt: Er braucht bei ihr unbedingt eine Drei im Zeugnis, um den Abschluss zu kriegen. Sie behauptet, Angebote zu machen, und lässt ihn dabei nicht zu Wort kommen; er tritt sie zusammen, haut ab. Dass der titelgebende "Aussetzer" in Lutz Hübners und Sarah Nemitz' Stück von 2007 nur zum Auslöser wird einer ernsthaften Auseinandersetzung der beiden, ist schon eine der Qualitäten des Zwei-Personen-Stücks: Sie zeigt ihn nicht an, zunächst aus Angst, dann, weil sie ihn retten will – mit heimlichem Nachhilfeunterricht. Auf der langen Bank, die Ausstatter Ulv Jakobsen im Grips im Podewil vor eine transparente Wand gebaut hat (dahinter sieht man die Gewalt nur als Schattenspiel), nähern sich die beiden an.

 

Trotz Altersunterschieds sind beide noch halbe Kinder: Er bekommt einen Lachkrampf, als sie sich einen "Latte" bestellt (und Milchkaffee will), sie hat nicht viel unter Kontrolle. Paul Jumin Hoffmanns Chris versteckt sich lange in seiner Kapuze, ballt die Fäuste in den Taschen, blickt trotzig und unsicher. Wenn er sich ans Publikum wendet oder bei Frau Stöhr seine Charmeoffensive startet (sein billiges Deo stinkt bis in Reihe 3), dann blitzt da soviel Potenzial auf, dass man der Lehrerin sofort gratulieren will für ihren Beschützerinstinkt. Katja Hiller balanciert ihre so ambitionierte wie egozentrische Julika Stöhr am Hysterierand entlang. Eine Frau, die ihre pädagogischen Ideale beschwört, sich aber längst in Schutzmechanismen verheddert. Mühelos springen Hoffmann und Hiller auch in andere Figuren, skizzieren mit wenigen Gesten Chris' Eltern.

Wenn Chris einmal vom Boxsack ersetzt wird, ist das eines von wenigen, aber starken Bildern, mit denen Regisseur Yüksel Yolcu geradlinig und eindrücklich die kluge Stückdramaturgie umsetzt. Sie zeigt, was passiert, wenn zwei aus dem festgefügten Schulsystem auszubrechen versuchen und sich einander nur bedingt vertrauen. Einmal glaubt Chris, dass die Lehrerin ihn verraten hat. In seiner Wut räumt er seinen Boxsack aus, lauter Stofffetzen sind darin, unter denen er sich begräbt. Seine Zukunft besteht nur noch aus Bruchstücken. Nichts ist einfach in diesem Stück, erst recht nicht der Schluss. Dennoch dürfte "Aussetzer" nach "Frau Müller muss weg" zu einem weiteren Hübner-Dauerbrenner am Grips werden – Diskussionsstoff steckt hier auch für alle jenseits der Zielgruppe ab 14.


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