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27.08.2009

AZ Nürnberg: "Ich glaube, ich bin ein Hätschelkind"

Ab heute beim Erlanger Poetenfest: Der Lyriker und Übersetzerpreisträger Ulf Stolterfoht über mäßiges Schulenglisch, sprachliches Handwerk, den Segen von Stipendien und den Hungertod.

Lyriker haben’s nicht leicht: „Deutschland ist ein Land von Gedichtschreibern, nicht von Gedichtlesern“, sagt der Lyriker Ulf Stolterfoht. Zum Auftakt des Poetenfests wird ihm zusammen mit seiner Kollegin Barbara Köhler heute im Markgrafentheater (20 Uhr) der „Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung“ verliehen – für ihre Nachdichtungen der amerikanischen Avantgarde-Autorin Gertrude Stein. Am Freitag ist Stolterfoht Teil der Übersetzerwerkstatt, am Samstag liest er um 15 Uhr im Park.

AZ: Herr Stolterfoht, war in der Schule Englisch Ihr Lieblingsfach?

ULF STOLTERFOHT: Nein, Deutsch. Ich habe Englisch- und Deutsch-Leistungskurs gehabt, aber Deutsch hat mir wesentlich mehr Spaß gemacht.

Wie kamen Sie dann darauf, ausgerechnet aus dem Englischen zu übersetzen?

Mein Englisch ist nicht viel besser als normales Abi-Niveau, aber bei den Sachen, die ich übersetze, kommt es weniger auf perfekte Sprachkenntnisse an als auf ein Gefühl für das, was man da eigentlich macht. Es waren immer aussichtslose Fälle, die niemand sonst übersetzt hätte.

Warum tun Sie es sich als Lyriker an, mit dem Übersetzen in die zweite Reihe zu treten?

Zum einen ist es schön, wenn man aus dem eigenen gedanklichen Ghetto rauskommt. Zum anderen hilft es mir beim eigenen Schreiben. Wenn ich festsitze, finde ich bei anderen oft etwas, was mir aus der Zwickmühle hilft.

Wie viel Handwerk braucht man als Übersetzer?

Fürs Profiübersetzen ist der handwerkliche Aspekt etwas sehr Wichtiges. Ich kenne Übersetzer, die redlicher arbeiten als ich und die Sprache, aus der sie übersetzen, perfekt sprechen. Ich habe nur Gedichte übersetzt. Da muss man wissen, wie lyrische Strukturen funktionieren.

Gertrude Stein lässt sich eigentlich nicht übersetzen. Warum tun Sie’s trotzdem?

Ich glaube, dass sie sich gut übersetzen lässt! Weil das Strukturelle im Vordergrund steht, nicht die inhaltliche Aussage. Wenn ich Reime einen Vers später bringe, macht das in ihrem Fall überhaupt nichts aus. Auf diese Art lassen sich auch die Mehrdeutigkeiten erhalten.

Wie arbeiten Sie?

In diesem Fall habe ich vier Jahre gebraucht, die letzte Version war die neunte. Ich habe das Buch gelesen und sofort angefangen, das Ergebnis dann acht Mal überarbeitet.

Und bei der neunten haben Sie gesagt: Jetzt ist es gut?

Ich musste das sagen, denn die Rechte waren nur für zwei Jahre gekauft, wir haben dann um Verlängerung gebeten. Ich hätte gerne noch eine Version gemacht, aber zeitlich war’s nicht möglich.

Wie nahe lebt man als Lyriker am Hungertod?

(lacht) Ich hab die letzten zehn Jahr Glück gehabt. Wir haben drei Kinder, und trotzdem geht’s irgendwie mit mir als Alleinverdiener. Manchmal glaube ich, ich bin ein Hätschelkind, weil jeder denkt: Die arme Sau mit seinen Kindern, und dann schreibt der auch noch solche Gedichte, dem muss man mal wieder ein Stipendium zukommen lassen. Darüber geht’s tatsächlich, aber dafür muss man Glück haben. Bislang ging’s immer irgendwie weiter.

Was bedeutet der Poetenfest-Preis für Sie?

Viel. Am meisten freut mich daran, dass ich ihn zusammen mit Barbara Köhler bekomme.

Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert.

Das ist wieder kein Glücksfall, denn das müssen wir uns jetzt teilen (lacht). Aber meine Freude überwiegt die Teilungs-Trauer deutlich.


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