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14.06.2013

Berliner Morgenpost: Am Sonntag gehen im Gorki-Theater die Lichter aus

Intendant Armin Petras verabschiedet sich mit einem Festival

Gelöst ist die Stimmung, ohne jene angespannte Aufgekratztheit, die Premierenabende sonst oft haben. Die Luft ist lau, rote Luftballonballungen setzen Sommerfest-Markierungen. Armin Petras tritt nach sieben Jahren als Intendant des Maxim Gorki Theaters ab und beendet seine Berliner Zeit so, wie es begonnen hat: mit einem Spektakel. "5 Tage im Juni" heißt es nach einem Roman von Stefan Heym. Der erste der fünf Abende voller Premieren ist so wie Petras' gesamte Berliner Zeit: ein Überforderungsparcours, in dem sich Perlen, Flops und auch ein wenig freundlich schimmerndes Mittelmaß abwechseln. Der Auftakt vorm Haus etwa ging daneben: Ein Dutzend Laienschauspieler aus der Rentner- und der Jugendtruppe skandierte im Chor Unverständliches, um sich dann vor dem Bau zu verneigen.

 

Drinnen drei kurze Stücke, als Fingerübungen hinskizziert von großen Regienamen, die alle unter Petras am Gorki gearbeitet haben. Im etwa 20-minütigen Vortrag "Jetzt nicht" spricht David Marton frei jeder Theatralität über die (kultur-)politische Situation in Ungarn, angenehm direkt, persönlich, bewegend. Danach entwickelt Antú Romero Nunes, die erstaunlichste Regie-Entdeckung der Petras-Ära, in "Paparapupi" einen hinreißend komischen Sketch über Sprachverwirrung. Aenne Schwarz und Paul Schröder zeigen hier noch einmal, warum man sie in Berlin vermissen wird: Ihre präzise Hingabe, ihre Lust an der komödiantischen Zuspitzung ist umwerfend. "In der Schlangengrube" von Armin Petras und Jan Kauenhowen wirkt ein bisschen so, als hätte Petras hier Restmaterial aus "We Are Blood" recycelt: drei Krebspatienten-Monologe, die Sebastian Baumgarten mit einem nüchternen Forscher-Interview verschneidet.

Im Hof wird später Heym gelesen, im Studio bahnt sich der Höhepunkt des Abends an. Petras hat Lenz' Komödie "Der Hofmeister" und Judith Schalanskys Roman "Der Hals der Giraffe" aneinandergekettet, verbunden durch die Frage, was Pädagogen, was Schulen leisten können und sollen. Erst das Lachen, dann die Moral: Den "Hofmeister" inszeniert Petras als oft witzige, oft auch nur albernde Parodie auf perückentragende Würdenträger. Nach der Pause das Drama um die gealterte Lehrerin im sterbenden Osten. Anja Schneider seziert Schalanskys lakonische, schöne Sprache ebenso wie den Charakter der Inge Lohmark, gibt ihm eine feste, auch sympathische Stimme. Wir sind ihre Schüler, ihr Kopfkino-Publikum, und weil Schneiders Lehrerin so grundsympathisch ist, verstören ihre streng darwinistische Ideologie und ihre sozialen Aussetzer.

Am Sonntag läuft zum Abschluss Petras' "Rummelplatz"-Inszenierung (18 Uhr), anschließend gibt's ein Fest. Danach gehen im Gorki die Lichter aus – bis Shermin Langhoff das Haus im November wiedereröffnet.


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