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19.06.2013

nachtkritik.de: Schieß mich zum Mond, baby!

"Frau Luna" – An der Berliner Volksbühne zerlegt Herbert Fritsch Paul Linckes Mond-Operette

"Jetzt mit 10% mehr Inhalt!", wirbt der Programmzettel. Er könnte sich auf Momente wie diese beziehen: Prinz Sternschnuppe kommt. Er durchquert den langen leeren Raum mit angeödetem Gesichtsausdruck und defiliert am Sternenchor vorbei, knallt dabei einmal lang hin, rappelt sich auf, reißt seinen Glamrockoverall auf, um seine eher mickrige Brust zu präsentieren. Dann legt er seinen blassen Federmantel ab, während ihm Mondelfen einen Flügel hinschieben und einen viel zu kleinen Schemel. Erst versucht er vergeblich, für seinen Umhang eine passende Ablage zu finden. Dann beginnt er in peinvoller Haltung – viel zu tief sitzt er, viel zu weit weg – den Flohwalzer zu spielen. Immer wieder haut er daneben, rast plötzlich durch Isoldes Liebestod, um dann, im Bariton und in der Counter-Lage, mühelos gequält von den "losen muntren Liedern" zu singen, die bei Paul Lincke notiert sind.

Mit diesem hochnotkomischen Psychogramm ist alles über Prinz Sternschnuppe gesagt – und Linckes Operette "Frau Luna" in Herbert Fritschs Inszenierung auf einem ersten Höhepunkt. Davor war es für eine Weile unklar, ob Fritsch diesmal überhaupt die Kurve kriegen würde: Akustisch versteht man kein Wort, als der flugtechnikbegeisterte Fritz und seine zwei Kumpanen als Popper-Trio mit dick wattierten Schultern über die leere Bühne an die Rampe wanken. Auch bei der Musik fragt man sich lange: Ist die von Paul Lincke?

Sie ist's. Die Schlager der Operette, "Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe", "Schlösser die in Monden liegen", das Glühwürmchen-Idyll und natürlich der unverwüstliche Marsch von der "Berliner Luft, Luft, Luft" sind alle da, allerdings in Ingo Günthers völlig neuem Elektropop-Mantel – synthetische Klänge und spacige Beats, dass den Fans der späten 70er und 80er Jahre das Herz hüpfen muss. Auch in Sabrina Zwachs Textfassung steckt noch viel vom biederen Libretto Heinz Bolten-Baeckers, wo Berliner Schnauze auf Gartenlaube-Gefühligkeit und Schenkelklopfer trifft. Während Fritz technisch hoch hinaus will, fordert seine Verlobte Marie das kleine Glück. Als er dann doch loszieht mit den Gefährten und seiner biestigen Vermieterin Pusebach, landen sie auf dem Mond, wo's natürlich genauso zugeht wie auf der Erde.

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