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23.06.2013

Berliner Morgenpost: Drei Monster unter Beobachtung durch ein Schlüsselloch

Ballhaus Ost versucht, den NSU-Prozess zu erklären

Was bringt der Blick durchs Schlüsselloch? Tiefere Erkenntnisse eher selten. Dass wir im Monströsen dennoch immer das Private suchen, scheint ein typisch menschlicher Reflex zu sein, Unverständliches auf unser Maß zu bringen. So wie gerade während des NSU-Prozesses: Da wird die Angeklagte Beate Zschäpe in den Medien dämonisiert ("Der Teufel hat sich schick gemacht"), zugleich über ihr Alltagsleben mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt spekuliert.

 

Wie ein Schlüssellochblick wirkt zunächst auch die Bühne in "Unter Drei – Beate, Uwe und Uwe": Im engen Raum des vierten Stocks im Ballhaus Ost sitzt man auf Augenhöhe mit dem Terror-Trio, das sich zwischen Ledercouch, Essecke und Herd bewegt. Zwar hauen die drei Schauspieler dem Publikum erst mal seinen Voyeurismus um die Ohren ("Sie wollen die Nazis sehen? Sie haben ja bezahlt!"), bedienen ihn dann aber auch: Beate kandiert Äpfel in der Pfanne und pfeift das realsozialistische Kinderlied "Wenn Mutti früh zur Arbeit geht", der eine Uwe klebt NSU-Runen an die Wände, der andere erklärt, dass der Pfeil am N "Nazis raus" heiße. Schön doof, diese rechten Spinner mit Wendeverlierer-Hintergrund.

Regisseurin Mareike Mikat, die in Berlin schon am Gorki Theater, am HAU und an der Volksbühne inszenierte, hat "Unter Drei" als Collage angelegt: Textpassagen von Olivia Wetzel und improvisiert wirkende Alltagsmomente wechseln mit kritischer Reflexion ab. Eingestreut sind Szenen aus dem Jenseits, in denen NSU-Mordopfer ihr altes Leben vermissen, sich über die 10.000 Euro Schmerzensgeld des Staates ärgern oder von einem Gegenterrornetzwerk fantasieren, das Neonazis abknallt. Da stehen dann die Schauspieler hinter einer Papierwand und proben in Schattenbildern orientalische Gesten.

Womit schon ein zentrales Problem des Abends skizziert ist: Ja, er gibt auch den Opfern eine Stimme. Allerdings eine am Rande der Karikatur. Dass die drei Schauspieler wie Laboranten einer Versuchsanordnung in Weiß herumlaufen und jeweils das andere Geschlecht verkörpern (Eva Bay und Gina Henkel die beiden Uwes, Andrej Kaminsky Beate), erhöht auch eher den komischen Reflex als die Erkenntnis. Dazu kommen die Küchenpsychologisierungen.

Deutlich wird, wie schwierig es ist, angemessen über den NSU-Terror zu sprechen. Auch im Kunst-Kontext nachzudenken. "Wir werden das ganze deutsche Theater auf Jahre hin mit Arbeit versorgen", heißt es einmal. "Mein einziger Trost: An uns kann man nur scheitern." Stimmt. Vor allem in der kommentarlosen Überforderung funktioniert dieser Abend: Wenn etwa die projizierten Bilder ein Mordopfer und dann einen Döner zeigen, bringen sie die viel zu kurzen Reflexe auf einen visuellen Punkt, mit denen auf eine Verbrechensserie reagiert wurde, die zu lange "Dönermorde" heißen durfte.


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