Archiv Referenzen

01.06.2013

amnesty journal: Die Welt ist die Bühne

Der Schweizer Regisseur Milo Rau gilt als führender Vertreter des "Reenactment"-Theaters - der Nach­stellung der Realität auf der Bühne. Sein Thema sind die Menschenrechte. Sein Stil ist die Provokation.

Kann Kunst die Welt verändern? Als der Schweizer Theater- und Filmregisseur Milo Rau Anfang März im Moskauer Sacharow-Zentrum die "Moskauer Prozesse" inszenierte, kappte der Inlandsgeheimdienst gleich das komplette Telefonnetz der Umgebung. "Niemand konnte mehr telefonieren, das haben selbst die russischen staatlichen Medien erwähnt", erzählt Rau. "Sogar die fragen jetzt, ob das nicht ein bisschen heftig war und die Zusammenhänge des Rechtsstaats hinter sich lässt."

Rau gilt derzeit als einer der wichtigsten und einflussreichsten politischen Theatermacher Europas. Und er zählt zu denen, die sich intensiv mit den Menschenrechten beschäftigen. Diese Auseinandersetzung begann 2009 mit "Die letzten Tage der Ceaușescus", einem Reen­actment, also einer Nachinszenierung des Schauprozesses gegen den rumänischen Diktator und seine Frau, die zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Und sie setzte sich fort bis zu den "Moskauer Prozessen" im März, als Rau an drei Tagen drei in den vergangenen Jahren geführte russische Gerichtsverhandlungen nachstellte, bei denen es um Kunstfreiheit ging - mit Richtern, Schöffen, Anklägern und Angeklagten, die zwar nicht immer identisch mit denen der Originalprozesse waren, aber doch reale Vertreter der Gesellschaft.

Zwei der Prozesse betrafen religionskritische Ausstellungen in den Jahren 2003 und 2006, die im Sacharow-Zentrum gezeigt worden waren, in dem die gleichnamige oppositionelle Stiftung ihren Sitz hat. Der dritte und brisanteste - weil jüngste und medial präsenteste - Prozess behandelte den Auftritt der Punk-Band Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale. Auf der Anklagebank im Sacharow-Zentrum saß dabei Jekaterina Samuzewitsch, jenes Band-Mitglied, dessen Haftstrafe auf Bewährung ausgesetzt wurde.

Was bei seiner Gerichtsshow herauskommen würde, wusste Rau nicht, schließlich war die siebenköpfige Jury mit Moskauer Bürgern besetzt, die im Bezug auf Alter, Geschlecht und politische Einstellung in etwa repräsentativ waren für die russische Bevölkerung. Er wusste nicht einmal, ob die "Prozesse" überhaupt stattfinden würden: "Die sieben Wochen davor habe ich in ständiger Angst und Panik verbracht", erzählt Rau, der mit seinem Schweizer Dialekt, seiner kräftigen Statur und dem blonden Vollbart nicht gerade wirkt, als sei er leicht aus der Ruhe zu bringen. "Ich wusste, dass die Teilnehmer derart viel zu verlieren hatten, dass ich mich nicht vollständig auf sie verlassen konnte. Das Projekt stand ständig auf der Kippe."

Raus Arbeit stach in eine offene Wunde der russischen Gesellschaft: die Kunst- und Meinungsfreiheit. Zum ersten Mal seit langem konnte in Russland offen darüber gestritten werden, saßen sich erbitterte Kontrahenten in einem Raum gegenüber und mussten einander zuhören. Als ob es eines weiteren Beweises für die schwierige Lage bedurft hätte, wurde der dritte Prozesstag von orthodoxen Kosaken und der Einwanderungsbehörde gestört - erstere sahen ihre Religion besudelt, letztere warf Rau vor, keine Arbeitserlaubnis zu besitzen. Doch Rau ist einer, der Gegenwind aushält. Und der Prozess konnte schließlich zu Ende gebracht werden, nachdem Maxim Schewschenko den Konflikt schlichtete: Der Medienstar des Staatsfernsehens spielte bei dem Reenactment den Chefankläger und setzte sich dabei leidenschaftlich für den Schutz des Sakralen ein. Weil das Staatsfernsehen über die Zwischenfälle berichtete, wurde Rau sogar in dessen Sendungen eingeladen.

Ein Etappensieg für den Künstler, der damit mehr erreicht hat als viele politische Aktivisten: "Pussy Riot und ähnliche oppositionelle Themen werden im Staatsfernsehen eigentlich komplett ignoriert", sagt Rau. "Das war jetzt nicht mehr möglich." Insgesamt hat die Aktion eine Debatte losgetreten. "Jetzt kursieren Bilder, auf denen der orthodoxe Kunsthasser neben dem schwulen postmodernen Künstler sitzt und beide lachend in einem Katalog blättern. Die Leute dachten erst, das sei eine Fotomontage!"

Es ist ein ähnlich zaghaftes Zeichen der Hoffnung wie das ­Ergebnis der Gerichtsverhandlung: Die Jury plädierte mit drei Ja-Stimmen, drei Nein-Stimmen und einer Enthaltung knapp auf unschuldig. Generell aber sieht Rau die Situation in Russland pessimistisch. "Natürlich musste man einander während des Prozesses zuhören. Einige haben auch danach noch miteinander geredet. Aber die Fronten hier sind so verhärtet, dass es keinen echten Dialog mehr geben kann. Dmitri Gutow, einer der bekanntesten Künstler Russlands, hat zu mir gesagt: Wir befinden uns in Russland im Treibsand. Egal, wie wir uns bewegen - es geht nach unten."

Raus Auseinandersetzung mit den "Moskauer Prozessen" - ein Name, der bewusst auf die stalinistischen Schauprozesse der 1930er Jahre anspielt - begann im Oktober 2012 mit einem Kongress am Nationaltheater Weimar. Die meisten seiner Projekte sichert der Regisseur mit wissenschaftlichen Symposien und Publikationen ab. Der Schweizer kommt ursprünglich vom Journalismus und aus der Wissenschaft. Mit 20 ging er auf seine erste große Recherchereise und schrieb anschließend zehn Jahre lang für die "Neue Zürcher Zeitung". Daneben studierte er Germanistik, Romanistik und Soziologie, schrieb Drehbücher fürs Fernsehen und neun Theaterstücke. In seiner Jugend war der heute 36-Jährige außerdem bei den Schweizer Jungsozialisten aktiv und organisierte Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern.

Politischen Themen ist er treu geblieben, wenn er heute seine künstlerischen Interventionen und sozialen Plastiken inszeniert. Vor sieben Jahren gründete er das Internationale Institut für politischen Mord (IIPM). Es dient als seine Produktions-, ­Recherche- und Denkwerkstatt, die Theaterprojekte wie "Hate Radio" (Amnesty Journal 02-03/12) erst ermöglicht. Bei diesem Reenactment wurde eine exemplarische Stunde jenes Radiosenders nachinszeniert, der 1994 durch seine Hetze maßgeblich zum Völkermord in Ruanda beigetragen hat. Im nachgebauten Studio saßen vier Schauspieler, die rauchten, plauderten und Musik auflegten. "Hate Radio" wurde zu Raus bislang größtem Erfolg in der Theaterszene: 2012 wurde das Stück zum Berliner Theatertreffen eingeladen, in diesem Jahr gastiert es in einer neuen Fassung beim Festival in Avignon.

Eine künstlerische Ausnahmeerscheinung ist Rau auch deshalb, weil er sich nicht auf ein Medium verlässt, sondern seine Themen immer über mehrere Kanäle bespielt. Neben der theoretischen Auseinandersetzung und der Bühne nutzt er auch den Film. Weil "Theater nur absurd wenig Leute sehen", wie Rau sagt. Die 15-stündige Langfassung der "Moskauer Prozesse" läuft derzeit auf Festivals als Videoinstallation, für die Berlinale 2014 erarbeitet er einen 90-minütigen Dokumentarfilm.

Auch sein jüngstes Stück "Breiviks Erklärung" plante er von Anfang an als crossmediales Projekt. Über Umwege war Rau an den eigentlich unter Verschluss gehaltenen Text jener Rede gekommen, die Anders Behring Breivik, der Massenmörder von Oslo und Utoya, am 17. April 2012 vor dem Osloer Amtsgericht gehalten hat. Sie gibt das Weltbild des Täters wieder, das hinter den Anschlägen stand: Er bekundete darin seine Verbundenheit zu Al Qaida, zum Schweizer Minarettverbot und zur deutschen NSU. Außerdem skizzierte er seine Theorie des Untergangs Europas durch Einwanderung und Multikulturalismus.

Natürlich stellt sich die Frage: Darf man den Gedanken eines Massenmörders ein Podium bieten? Zumal eines Volksverhetzers, dessen Ziel immer die größtmögliche Aufmerksamkeit für seine krude, rechtsextreme Ideologie war? Schließlich richtete Breivik das Blutbad an, um gehört zu werden. Kurz vor der Premiere entzog das Nationaltheater Weimar Rau den Veranstaltungsraum. Ein für Rau "extrem nerviger" Vorgang, der sich in München und Basel wiederholte.

Das Grauen bei Raus Stück stellt sich vor allem deshalb ein, weil man viele der Behauptungen und Schlussfolgerungen so oder ähnlich schon einmal von konservativen Politikern gehört hat und weil manche Argumentationen gar sozialdemokratischen Mustern folgen - von Diskussionen an deutschen Stammtischen ganz zu schweigen. Die Schauspielerin Sascha Ö. Soydan liest den Text kaugummikauend vor neutraler Kulisse, betont sparsam und blickt den Zuschauer in ihren deutlich gesetzten Pausen intensiv an. Spätestens da erschrickt man über jedes Argument Breiviks, das man so oder so ähnlich schon einmal woanders gehört hat.

Vielleicht ist es dieser kritische Blick nach Innen - nach Deutschland, Österreich und immer wieder in die Schweiz, der ihm die Autorität verleiht, ebenso souverän nach Rumänien, Russland und Ruanda zu blicken. Im St. Gallener Projekt "City of Change" von 2010 ist aus einer künstlerischen Intervention eine reale Petition zur Einführung des Ausländerstimmrechts hervorgegangen. Derzeit beschäftigt sich Rau in den "Zürcher Prozessen" mit dem Widerstreit zwischen Pressefreiheit und dem Schutz von Minderheiten im Fall der "Weltwoche", die zwischen rechtskonservativer Polemik und verfassungsfeindlicher Hetze anzusiedeln ist. Wie in Moskau gilt: Ausgang offen.

Kann Kunst die Welt verändern? "Ich denke, dass Kunst symbolische Akte schaffen kann", sagt Rau. "Wenn man Glück hat, setzten die dann Kettenreaktionen in Gang. Wenn man Pech hat, wird man im Feuilleton hämisch besprochen und es ist allen egal."


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung