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25.06.2013

Nürnberger Nachrichten: Am Ende bleibt die Schampusflasche zu

Zwei Operetten in Berlin – und eine Sängerin, die demnächst in Nürnberg zu sehen ist

Operette kann furchtbar schiefgehen. Wenn Dialoge bröckeln, Konflikte weggelächelt werden oder die Musik gar zu süßlich trieft, ist das Genre nur schwer erträglich. Nicht in Berlin, wo gerade zwei Produktionen eine Ahnung davon vermitteln, was die Stadt in den 1920ern und frühen 1930ern zur Operettenmetropole machte. 1932 wurde hier „Ball im Savoy“ von Paul Abraham uraufgeführt – ein immenser Erfolg, abgeschnitten durch die Nazis, die den jüdischen Komponisten ins Exil und seine Werke von den Bühnen verbannten.

Jetzt hat Barry Kosky das Werk erlöst. Der neue Hausherr der Komischen Oper bewies in seiner ersten Spielzeit ohnehin eine glückliche Hand zwischen seinem überfordernden Monteverdi-Auftakt und seiner spektakulären, immer ausverkauften „Zauberflöte“ zwischen Stummfilm und Zeichentrick. Jetzt rennt ihm das Publikum wieder die Bude ein, weil er keine Berührungsängste mit dem Entertainment kennt. Schon „Kiss me, Kate“ war hier unter seiner Regie ein Fest zwischen Glamour und Trash. So auch „Ball im Savoy“, dessen Story nicht eben originell ist: Junger Mann geht – trotz inniger Liebesschwüre – gleich nach den Flitterwochen fremd, Frau rächt sich. Am Ende stellen sich beide Affären als Luftnummern heraus, dazwischen gibt’s große Szenen beim titelgebenden Ball, eine Prise Feminismus, Ohrwurmmelodien, coolen Jazz und Wiener Schmelz.

Kosky baut auf seine bewährten Stars, die aber zunächst am Konversationston nagen: Dagmar Manzel berührt als betrogene Gattin vor allem in zwei klavierbegleiteten Songs, Helmut Baumann, Westberliner Musicallegende, macht als türkischer Klischee-Attaché jeden Orient-Jux mit. So richtig Drive kommt erst mit Katherine Mehrling in die Sache, die als zigarrerauchende Komponistin allen den Kopf verdreht, jodelt und singt und Witze reißt, dass es eine ohrenbetörende Freude ist. Das Beste: Mehrling gibt’s bald abendfüllend in Nürnberg; am 2. November hat sie am Staatstheater mit „Funny Girl“ Premiere.

Auf dem Ball kippt dann auch der etwas brave Hollywood-Look der Bühne in einen orgiastischen Farbrausch der Kostüme, eine Feier der wilden Zwanziger. Hier scheint wirklich alles möglich, wo die gut geölte Showmaschine ordentlich Aberwitz tankt und so mühelos ins Finale swingt. Am Ende stört es nicht mal mehr, dass selbst im Apartment des zerstrittenen Paares ständig irgendwer die Beine schwingt.

Auch bei Herbert Fritschs Aneignung von Paul Linckes immergrünender „Frau Luna“ an der Volksbühne wird an den unmöglichsten Stellen gesteppt und getanzt. Mit Vorsatz: Fritsch demontiert hier ausgiebig das Genre, nur um es mit seinem längst legendären, viel absurderem Körperwitz zu toppen. Wieder stürzen und fallen seine wild gestikulierenden Knallchargen, prallen gegen Wände, verheddern sich ineinander.

Die Auflösung für all die unmotiviert fliegenden Beine und klackernden Steppschuhe: Der technikbegeisterte Berliner, der da mit seinem Kumpels und seiner biestigen Vermieterin Pusebach auf dem Mond landet, heißt Fritz Steppke – „der Name ist Programm“. Ein Kalauer, der sich mühelos in die unzähligen Wort- und Satzverdrehungen reiht, wo die Schauspieler harmlose Original-Formulierungen zu krachenden Zoten verstammeln.

Es ist vielleicht nicht Fritschs stärkste Arbeit, der seit drei Jahren das Berliner Theatertreffen aufmischt und dessen Boulevardkracher „Die (s)panische Fliege“ an der Volksbühne stets ausverkauft ist. Diesmal fragt man sich lange, ob Fritsch überhaupt die Kurve kriegt: Ein bisschen fad verhallt das Bühnentreiben zu Beginn, und die Musik, ist die überhaupt von Lincke? Die Schlager der Operette, „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“ und natürlich der unverwüstliche Marsch von der Berliner Luft, Luft, Luft sind alle da, allerdings in Ingo Günthers völlig neuem Elektropop-Mantel – synthetische Klänge und spacige Beats, dass den Fans der späten 70er und 80er Jahre das Herz hüpfen muss.

Auf dem Mond kurven die Sternbilder als Clowns auf Fahrrädern herum; die übrigen Bewohner sehen so aus, als sei eine Zirkusausstattung explodiert und als wüchse ihnen das Gesäß auf der Stirn. Hier kommt mit den Auftritten von Hubert Wilds Prinz Sternschnuppe und Ruth Rosenfelds anbetungswürdiger Frau Luna Tempo in die Sache: er verzogen, verhuscht und im Alt wie im Bariton präsent, sie mit mühelosen Koloraturen. Als Mischung aus Madonna und Rita Hayworth verdreht sie jedem und jeder den Kopf. Sie schwebt, wenn sie schreitet und hebt einmal tatsächlich ab im ellenlangen Kleid, ein Wunder an Nuancen, an Geschmeidigkeit.

Am Ende fällt das Soufflé dann wieder in sich zusammen. Was soll man auch sagen angesichts der Operettenlogik um 1900? Nach „Ist die Welt auch noch so schön, einmal muss sie untergehn“ bleibt der Schampus stecken, wird die Bühne abgeräumt – bis zur Fritsch'schen Applausordnungsorgie, die noch einmal zum Utz-Utz-Utz-Beat den Wahnwitz des Entertainments feiert.


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