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02.07.2013

Berliner Morgenpost: Das Nature Theater aus den USA braucht Berliner für sein Werk

Das Nature Theater of Oklahoma kommt eigentlich aus New York. Momentan residiert die Gruppe im HAU. Sie arbeitet an der Episode 6 ihres Mammutwerks "Life and Times" - und castet dafür Berliner.

Der Duft von gebratenem Fleisch zieht über den Hof hinterm Hebbeltheater. Er kommt vom Burger-Grill, wo sich die Menschen drängen. Hier gibt's Essen und einen Becher Eistee umsonst. Außerdem ein paar Minuten Ruhm – das Nature Theater of Oklahoma ruft und etwa 200 Berliner sind gekommen. Sie stehen herum oder sitzen auf den roten Plastikstühlen, später beginnen ein paar zu tanzen. Zwischen den Songs führen Pavol Liska und Kelly Copper, die Gründer der Gruppe, öffentliche Bewerbungsgespräche, fragen die Leute danach, was sie hier wollen, was sie machen, wie sie leben. Und manchmal auch, was ihnen fehlt.

Amerikanisches Barbecue inklusive

Es ist der Auftakt eines Spektakels, das es so in Berlin noch nicht gegeben hat. Drei Wochen lang besetzt das Nature Theater of Oklahoma das Hebbeltheater – ein gemeinsames Projekt des HAU und der Berliner Festspiele im Rahmen des Performance-Festivals Foreign Affairs. Die New Yorker Truppe zeigt hier neben ihrem Klassiker "Romeo and Juliet" alle bestehenden Teile ihres Großwerkes "Life and Times". Fünf Episoden sind es bislang, zehn sollen es werden. Für Episode 6 wurden jetzt die Berliner gecastet; an zwei Tagen gibt's "Life and Times" als Marathon, der einmal 13, einmal 15 Stunden dauern wird – amerikanisches Barbecue inklusive.

Sie wohnen im Theater

So außergewöhnlich wie ihr Projekt sind auch die Macher. Liska und Copper arbeiten seit beinahe 20 Jahren zusammen, sind verheiratet, verschränken Leben und Kunst, sehen sich jeden Tag im Jahr – ohne Ermüdungserscheinungen. "Ich bin an einem Leben ohne Kelly nicht interessiert", sagt Liska. Copper sekundiert: "Ich kann mir nicht vorstellen, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der mich nicht derart gut versteht."

Passend, dass sie jetzt auch im Theater wohnen – und zum Gespräch ins Schlafzimmer bitten wie einst John Lennon und Yoko Ono. In stilvollen Morgenmänteln sitzen sie auf ihrem Doppelbett, das unter den ovalen Fenstern des 2.-Rang-Foyers royalen Luxus ausstrahlt. Liska trägt gezwirbelten Schnurrbart zur Glatze. Copper versuchte einst, die Anwaltskanzlei, in der sie jobbte, mit außergewöhnlichen Outfits zur Kündigung zu bewegen. Jetzt trägt sie ihr rotes Haar aufwendig hochgesteckt, oft mit Blumen und Pflanzen geschmückt, dazu eine Gänseblümchen-Brille.

"Wir hatten noch nie so viel Platz, das ist eine äußerst großzügige Geste", sagt Copper. Der Raum ist wirklich riesig, Komfort aber sieht anders aus: Auf einem improvisierten Tisch mit Papieren steht das Ladegerät für die elektrischen Zahnbürsten, ihre Kleider hängen an der alten Theatergarderobe, auf dem früheren Buffett steht eine Kaffeemaschine und ein kleiner Kühlschrank. Auch ein Tonstudio für ihren Podcast wurde hier aufgebaut.

Franz Kafka als Namensgeber

Eine Etage tiefer brät sich Liska Eier zum Frühstück, wo Teammitarbeiter zeitgleich an Teilen des Films arbeiten, der während der drei Wochen entstehen und gezeigt werden soll. Ihre Theater-Residenz brachte schon witzige Momente mit sich. Etwa das entgeisterte Gesicht des Nachtpförtners, als Liska und Copper abends zum Bühneneingang kamen und sagten, sie gingen jetzt mal schlafen – offenbar hatte ihn niemand informiert.

Dennoch lieben es die beiden hier. Denn neben reichlich Raum haben sie, die sonst höchstens mal eine Woche an einem Ort bleiben, Zeit anzukommen und ihr Werk fortzusetzen. Namensgeber des Nature Theater ist Franz Kafka. In dessen Romanfragment "Amerika" trifft der Held nach einer langen Desillusionstour durch die Vereinigten Staaten aufs große Naturtheater von Oklahoma, einer Truppe, die mit dem Slogan "Jeder ist willkommen" alle zur Mitwirkung einlädt.

Ausgerechnet Oklahoma

Eine Utopie und Einladung, die jetzt auch vorm Hebbeltheater prangt. Und die Liska selbst erlebt hat, als er als junger Tscheche in die USA kam und ausgerechnet in Oklahoma landete. "In Tschechien war Theater nie eine Option. In den USA gab es plötzlich die Möglichkeit, kreative Kurse zu besuchen. Das war kein exklusiver Club, da konnte jeder mitmachen. Wenn ich in Oklahoma nicht die Möglichkeit bekommen hätte, mich auszuprobieren, hätte ich nie herausgefunden, dass ich's kann."

Kein Unterschied zwischen Hoch- und Massenkultur

Auch typisch amerikanisch: Liska und Copper unterscheiden nicht zwischen Hoch- und Massenkultur. "Wir lieben Reality TV und Konzeptkunst gleichermaßen", sagt Liska – und beschreibt damit das Wesen ihrer "Life and Times"-Shows ziemlich genau. Die sind ebenso schräg wie größenwahnsinnig: In einem gut 16-stündigen Telefonat hat Team-Mitglied Kristin Worrall ihre banale Lebensgeschichte erzählt. Dieser Text mit allen Ähs und Versprechern wurde zur Grundlage der auf zehn Teile angelegten Serie, die irgendwann mal 24 Stunden dauern soll und verschiedene Theaterformen durchspielt: Musical, Tanz, Murder-Mystery, einen gemeinsamen Leseabend und eine Radio-Show. Teil 1 und 2 waren bereits in Berlin zu sehen, ersteres beim Theatertreffen 2010. "Absolute Schwundstufe", urteilte damals ein Kritiker, Berliner-Ensemble-Chef Claus Peymann ging nach nicht mal 15 Minuten. Wer blieb, feierte das Ereignis frenetisch – und das eigene Sitzfleisch gleich mit.

Zwischendurch nervt die Show schon mal mit ihren Mittelklasse-Anekdoten zu simpel gestrickten Melodien. Aber die aufgeputschte Begeisterung, mit der sich die Schauspieler mit viel zu großen Gesten in Posen aus Musical und rhythmischer Sportgymnastik werfen, überträgt sich unmittelbar. Inmitten dieser Feier des Banalen berühren die existenziellen Momente, etwa die Scham, wenn Kristin vom Einnässen in der Schule berichtet.

15-stündiger Theatermarathon

Dass sie ihre Projekte nie zu zweit stemmen könnten, wissen Liska und Copper. Deshalb haben sie vor Jahren einen Kollektiv-Namen gewählt, der nach großem Ensemble klang, als sie und ein paar Freunde noch für umsonst arbeiteten. "Wir wollten weg vom Chef-Gedanken. Das ist längst nicht mehr nur das Projekt von uns beiden, sondern eine kollektive Arbeit." Mit einer Hand voll Leuten arbeiten sie seit ihrer Gründung zusammen, andere kommen mit jedem Projekt hinzu. Für Episode 2 wird in jeder Stadt sogar ein ganzer Chor rekrutiert. Ob die am HAU produzierte Episode 6 Berlin-Bezug hat, erfährt man 10. Juli. Dann steigt die Premiere. Zwei Tage später sind dann zum Abschluss des dreiwöchigen Aufenthalts alle sechs Teile zu sehen. Der 15-stündige Theater-Marathon startet am 12. Juli um 14 Uhr und endet gegen 5 Uhr am Sonnabendmorgen.


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