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02.07.2013

nachtkritik.de: Vomitorium der Republik

"Sur les traces de Dinozord" – Das work in progress des kongolesischen Choreografen und Tänzer Faustin Linyekula bei Foreign Affairs

Es ist eine alte Aufnahme, man hört es am Knistern und Rauschen: Antoine Vumila Muhindo, genannt Vumi, berichtet von seiner Zeit in der kongolesischen Rebellenbewegung. Während sich sieben Performer im Bühnenhalbdunkel die Gesichter und Hände mit Kreideschlamm weißen, klingt Vumis Stimme auf Band euphorisch, als er die Paraden mit einer Theaterbühne vergleicht, weil beim Stillgestanden selbst der Gesichtsausdruck korrigiert wurde. Sei es nicht Ziel der Kunst, die Welt zu verzaubern? Und hätten die Rebellen nicht mit ihren Pistolen Mozart gespielt? Am Ende dann der Bruch: Als Idealist sei er in den Dschungel gegangen, sagt Vumi – und als Fanatiker zurückgekehrt.

Später wird Vumi als Geheimdienstmitarbeiter in einem umstrittenen Prozess zum Tode verurteilt. Das Dokument, das da knistert, war sein Beitrag zu "The Dialogue Series: iii. Dinozord" von 2006 – die Kassette mit seinem Beitrag ließ er aus der Todeszelle schmuggeln.

Jetzt, in "Sur les traces de Dinozord" (Auf den Spuren von Dinozord) sitzt er selbst auf der Bühne – nach zehn Jahren Gefängnis und Folter gelang ihm die Flucht, heute lebt er in Schweden. Er ist auch der Grund, warum Tänzer und Choreograf Faustin Linyekula seinen Abend weiterentwickelte – und nun bei Foreign Affairs zum ersten Mal in Deutschland zeigt. Damals war das Stück noch eine Art Doppelepitaph auf seine Schriftstellerfreunde, den an der Pest gestorbenen Richard Kabako und den auf seinen Tod wartenden Vumi. Jetzt ist es – weitgehend mit denselben Beteiligten – ein Requiem auf ein Land, auf die Träume seiner Bewohner, auf die Kunst.

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