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19.08.2013

Berliner Morgenpost: Ein Meister des Subtilen

Schiller plus Salazar: Regisseur Stephan Kimmig eröffnet die Saison des Deutschen Theaters mit einem gewagten Doppelprojekt

Es gibt die Regisseure fürs Grobe. Und die fürs Feine. Stephan Kimmig gehört eher zu Letzteren. Der 54-Jährige ist am Deutschen Theater der Mann für alle Fälle zwischen Klassikern und Gegenwart: Yasmina Rezas "Ihre Version des Spiels" und Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" hat er inszeniert, das Antikenprojekt "Ödipus Stadt" und Anton Tschechows "Kirschgarten". Auch jenseits von Berlin – er arbeitet regelmäßig in München, Stuttgart und Frankfurt – lässt sich kein Autoren- oder Themenschwerpunkt erkennen. Doch eines ist seinen Arbeiten bei allen stilistischen Differenzen gleich: sein Interesse an den Schauspielern, deren Rollengestaltung immer im Mittelpunkt der Inszenierungen steht.

Während andere Kollegen noch in den Ferien sind, inszeniert er jetzt mal wieder den Spielzeitauftakt. Was auch an seinen drei Kindern liegen dürfte, deren Ferien bereits vorbei sind. Er selbst wirkt erstaunlich entspannt im Pressebüro des Deutschen Theaters, obwohl noch etliche Details seines Doppelprojekts offen sind: Kimmig kombiniert Friedrich Schillers Dramenfragment "Demetrius" mit der Uraufführung von Mario Salazars "Hieron. Vollkommene Welt". Nervös wird er nur, als eine Wespe hereinkommt – das Gespräch setzen wir erst fort, nachdem das Tier mit Papierblättern aus dem Fenster hinauskomplimentiert wurde.

"Ich versuche, die Schauspielerarbeit weiterzutreiben, da weiterzuforschen", sagt Kimmig. Dabei hatte man nach epochalen Abenden wie seiner Münchner "Mamma Medea", seiner Hamburger "Maria Stuart" und seiner Berliner Inszenierung von Judith Herzbergs "Über Leben" den Eindruck, dass da kaum noch was geht in Sachen Figurenzeichnung, so emotional auf den Punkt waren die Darstellungen, so aufgeraut und rund zugleich die Charaktere. Immer bleiben sie komplex, widersprüchlich.

Kimmig ist ein Meister des Subtilen, des verhaltenen, tastenden Tons, der einen mit der Fremdheit der Vorlage konfrontiert, aber so lange fest an die Hand nimmt, bis man vollkommen mitgeht bei seinen Tiefenbohrungen. Für ihn aber, der schon vier Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, bleibt das Inszenieren "ein Experiment mit ungewissem Ausgang". So spielten DT-Stars wie Nina Hoss und Corinna Harfouch im "Kirschgarten" und in "Ihre Version des Spiels" plötzlich vergröbert, mit Unschärfen, roh – und dennoch höchst spannungsvoll, faszinierend, als sähe man ihnen gerade beim Erfinden einer Figur zu.

Insofern ist alles offen, wenn Kimmig am 30. August sein gewagtes Doppelprojekt stemmt. Zwei Titelfiguren prallen hier aufeinander, die auf den ersten Blick gegensätzlicher nicht sein könnten: Hier der junge Idealist Demetrius, der sich für den Sohn des russischen Zaren hält und sein Land vom Tyrannen befreien will. Dort Hieron, der gealterte Weltenherrscher und Diktator, der sich die Menschheit längst untertan gemacht hat und sich nun langweilt. Für Kimmig aber passen die beiden dennoch zusammen: Demetrius sucht die Macht, will anfangs noch das Gute, verliert sich dann aber in Gewalt, in Hybris. Hieron ist der, der das alles schon hinter sich hat, der an seiner unendlichen Macht scheitert.

Seit Kimmig vor Jahren eine Porträtausstellung sah, in der Bildnisse Alter Meister zeitgenössischen Fotografien gegenübergestellt wurden, trug er die Idee einer ähnlichen Konfrontation im Theater mit sich herum. "Da entstand eine wechselseitige Spannung, die mich sehr faszinierte." In Stuttgart probierte er diese Konstellation bei "Stallerhof" von Franz Xaver Kroetz und "3D" von Stephan Kaluza erstmals aus. Da vertiefte die eine Missbrauchsgeschichte die andere – die Inszenierung war bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater zu sehen. Ähnlich dürfte der Zusammenprall der Geschichten in "Demetrius" und "Hieron" funktionieren, verstärkt von Doppelbesetzungen: Felix Goeser spielt sowohl den jugendlichen Pseudo-Prinzen Demetrius wie den alten, zynischen Weltenherrscher Hieron, Ole Lagerpusch sowohl Demetrius' Gegenspieler Leo Sapieha als auch Hierons Assistenten.

Weil von "Demetrius" nur die ersten eineinhalb Akte existieren, greift das Deutsche Theater auf jene Fassung zurück, die Hansgünther Heyme Anfang der 80er-Jahre aus Schillers wenigen erhaltenen Dialogfetzen und zahlreichen Notizen zum Fortgang der Geschichte erstellt hatte. Mit Strichen – und Ergänzungen. So wertet Kimmig die Rolle von Demetrius' Gegenspieler Sapieha mit neuen Texten auf. In einem Stück, "das den Aufstieg und Fall des Prinzips Macht" thematisiert, "stellt er die Frage, ob man die Sinngebung des Lebens nicht anders denken kann".

So wie Alexander in "Hieron": Das Stück des 1980 in Berlin geborenen Salazar spielt in einer Zukunft, wo die Menschen nur noch arbeiten. Wenn ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird, werden sie hingerichtet. Nur an Weihnachten haben sie einen Tag frei, um ritualisiert in der Familie zu feiern. Alexander, der Familienvater, versucht zu rebellieren – und scheitert an der Gleichgültigkeit der anderen.

Es ist, als ob jemand Loriots "Weihnachten bei Hoppenstedts" in den tiefschwarzen Humor getrieben und sie mit Becketts "Endspiel" montiert hätte, hat also durchaus Witz: Denn während die Familie im Weihnachtskitsch erstickt, langweilt sich der Weltherrscher und Erfinder dieses perfekten Systems mit seinem Assistenten zu Tode. ",Hieron' ist eine düstere Version der Zukunft, ein Albtraum", sagt Kimmig. "Die Arbeit besetzt alles, sie ist für uns das Entscheidende, um unser Menschsein zu definieren." Gerade weil die Dialoge in der Familie oft an heutige Gespräche erinnern, stellt sich für ihn die Frage: "Was macht die Menschen so gehorsam, dass sie diesem System so folgen? Wann kommt der Punkt des Sich-Wehrens?"

Das Thema der Arbeitsdominanz kennt Kimmig selbst: Im vergangenen Jahr stemmte er sechs Inszenierungen, normal sind vier. "Das war sehr beglückend und gar nicht anstrengend", erzählt er. "Man muss auf den Proben erst mal einen Konzentrationszustand hinkriegen. Wenn man durcharbeitet, bleibt er bestehen und die Arbeit wird leichter, lustvoller." Ob das Katja Haß, seine Frau und kongeniale Bühnenbildnerin der meisten seiner Inszenierungen, auch so gesehen hat? "Ich werde schon oft gerügt, weil ich nicht richtig abschalten kann", sagt Kimmig. Dennoch gibt es keine Regeln wie die, am Frühstückstisch nicht über die Arbeit zu reden: "Oft tauchen in den unmöglichsten Momenten Fragestellungen auf, die wir dann spielerisch weiterentwickeln können." Das klingt zwar erschreckend nach "Hieron", wo es einmal heißt: "Worüber sollen wir sonst reden als über die Arbeit?" Aber bislang hat das Ergebnis beiden oft genug recht gegeben.


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