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06.08.2009

AZ Nürnberg: Ein Mann für gewisse Jahre

Der Dirigent, ab der kommenden Saison Chef der Nürnberger Symphoniker, über die Nervosität beim Klassik Open Air am Samstag, seine Karriere und die Pläne für die neue Spielzeit.

Frisch gebräunt kommt Alexander Shelley zu den Proben mit den Nürnberger Symphonikern. Nicht aus dem Urlaub: In Venezuela hatte er mit dem Jugendorchester Simón Bolívar gearbeitet. Am Samstag wird er beim Klassik Open Air im Luitpoldhain ab 20 Uhr das Programm „Paris – New York: Liebe verbindet!“ mit Werken von Bizet, Offenbach, Gounod, Bernstein und Gershwin dirigieren. Für ihren neuen Chef werben die Symphoniker seit Wochen mit dem Slogan „Kein Mann für einen Abend.“

AZ: Sie sind kein Mann für einen Abend — sondern?

ALEXANDER SHELLEY: Für mehrere (lacht). Der Slogan ist gewagt, aber es gab noch schlimmere Ideen.

Zum Beispiel?

Bei ihm kommen Sie öfters.

Oh.

Das war auch nicht meine Idee. Aber wenn’s funktioniert, ist es wunderbar.

Das Klassik Open Air ist Ihr erstes Konzert in Nürnberg, seit bekannt wurde, dass Sie die Leitung der Symphoniker übernehmen werden. Sind Sie nervös?

Nein. Als Musiker bringt es nichts, nervös zu sein. Man muss einfach sein Bestes geben und mit vollem Engagement dabei sein.

Haben Sie schon jemals vor 40 000 Menschen und mehr gespielt?

Das Größte waren 25 000 beim Festival im dänischen Roskilde vor einem Rock-Publikum – unglaublich! Das hat bei Höhepunkten in der Musik spontan geklatscht.

Sie haben also Open-Air-Erfahrung?

Ja, einige, und es macht mir jedes Mal einen Riesenspaß. Wenn man das richtige Programm auswählt, dann passt es sehr gut zusammen.

Haben Sie das Nürnberger Programm ausgewählt?

Mit Intendant Lucius Hemmer zusammen. Er kennt sein Publikum gut. Von ihm kam die Grundstruktur, viele Ideen von mir.

Ihr Klassik-Open-Air-Vorgänger Philippe Auguin hat ganze Sinfonien gestemmt. Warum machen Sie ein Häppchen-Programm?

Man kann letztlich alles machen, wenn man es mit Überzeugung macht. Die Gefahr besteht, dass es zu kleingeschnitten wirkt. Manche mögen das auch, gerade beim Freilichtkonzert. Das längste Stück ist immerhin 25 Minuten.

Sie sind wortgewandt und sprechen perfekt Deutsch. Warum übernehmen Sie nicht die Moderation?

Ich würde das gerne machen, wie nächste Woche in Bremen. Aber so wie ich das verstanden habe, ist es Tradition, dass hier jemand anderes moderiert.

Ihr eigentliches Antrittskonzert ist am 5. Januar mit Strauß, Schumann, Holst. Steht das programmatisch für Ihre erste Saison?

Nein. Die Markierung meiner musikalischen Position wird sich über mehrere Saisons erstrecken. Die ersten zwei Jahre sind allerdings schon abgeschlossen; ab der dritten Spielzeit wird es mehr von mir geben. Dann kann ich auch stärker auf Risiko gehen. Zum Beispiel gibt es so schöne Musik aus dem 20. Jahrhundert, bei der niemand Berührungsängste haben muss.

Es geht ja gleich weiter mit Richard Strauss, Beethoven, Brahms. Sie wildern damit im Kernrepertoire von Philharmoniker-Chef Christof Prick.

Wirklich? Für mich ist das auch Kernrepertoire, das passt perfekt zu der Orchestergröße, die wir haben.

Sie haben Cello studiert. Warum sind sie ans Dirigentenpult gewechselt?

Es war für mich immer klar, dass ich mit einem Orchester arbeiten, einen Klang formen wollte. Ich war immer vom Wesen des Orchesters fasziniert, von der Vielfalt der Musik, auch von der anderen Herangehensweise: Wenn man als Dirigent eine Partitur aufschlägt, entsteht die Musik im Kopf.

Sie sind weiterhin als Gastdirigent unterwegs. Wie oft werden wir etwas von Ihnen haben?

Oft. Ich bin in den nächsten Jahren häufig hier, manchmal mache ich einen Monat am Stück, nicht nur hier in Nürnberg: Wir werden auch reisen. In der Saison bin ich mindestens einmal im Monat für eine Woche in Nürnberg. Alles andere plane ich drum herum. Die Gastdirigate habe ich auf das Wesentliche reduziert.

Ihre Freundin lebt in London. Wird das nicht kompliziert?

Die Flugverbindungen sind sehr gut.

War das der Grund, nach Nürnberg zu gehen?

Nein! (lacht) Aber es war natürlich kein Nachteil. Das Leben ist ohnehin etwas kompliziert durch das Reisen. Ich bin jetzt seit sechs Wochen unterwegs und war für 24 Stunden zu Hause, aber es gibt Schlimmeres. Immerhin konnte meine Freundin dabei sein.

Ihr Vater, Howard Shelley, ist ein renommierter Dirigent und Pianist, die Pianistin Hilary Macnamara ihre Mutter. War das für Ihre Karriere förderlich oder mussten Sie gegen das Image kämpfen, der Sohn zu sein?

Eher förderlich. Ich bin nicht der Typ, der Kontakte ausnutzt. Ein Riesenvorteil allerdings war, dass ich in der Umgebung von Konzertsälen und Orchestern aufgewachsen bin – man kennt sich einfach aus.

Sie werden im Oktober 30 Jahre alt, sind ein gefragter Gastdirigent und leiten ein A-Orchester. Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, dass das alles sehr schnell geht?

Nein. Mein Kollege Gustavo Dudamel ist 28 und designierter Chef des Los Angeles Philharmonic Orchestra. Für mich fängt hier in Nürnberg eine wichtige und große Reise an. Wenn ich meinen Job richtig mache, kann sich das Orchester sehr entwickeln. Mein Vertrag läuft für vier Jahre, aber ich hoffe, wir schaffen etwas und wollen danach weiterarbeiten.


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