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27.08.2013

Berliner Morgenpost: Durchbruch mit dem "Spuk unterm Riesenrad"

Sie spielte an den großen Berliner Bühnen und im TV: Katja Paryla ist tot

Sie war eine große Komödiantin, besaß ein untrügliches Gespür für Timing, für das genaue Maß an Übertreibung, für das Lachen, das ums Ende weiß. "Man muss das Publikum lieben", war Katja Parylas Motto. Am Sonntag ist die Schauspielerin und Regisseurin nach schwerer Krankheit in Wölsickendorf bei Bad Freienwalde gestorben. Sie wurde 73 Jahre alt.

Kann man sich gegen eine Bühnenkarriere wehren, wenn die Eltern, der Onkel und der Cousin Schauspieler sind? Wohl kaum. 1940 wurde Paryla in die gleichnamige österreichische Schauspielerdynastie hineingeboren – in Zürich, wo ihre Eltern Selly und Emil Paryla (der sich zur Unterscheidung von seinem Bruder Karl Paryla Emil Stöhr nannte) am Schauspielhaus engagiert waren. 1946 ging die Familie nach Wien, später nach Berlin, wo sie am Deutschen Theater spielten und inszenierten.

So wie auch Katja Paryla, die 1961-63 an der späteren Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" lernte und noch während der Ausbildung an der Seite ihres Vaters in Oldrich Danĕks "Die Heirat des Heiratsschwindlers" debütierte. Beinahe aber wäre es nicht dazu gekommen – zunächst studierte sie Modegestaltung.

Nach der Ausbildung blieb sie den Ost-Berliner Bühnen treu, ging zunächst an die Volksbühne, wechselte 1967 ans Maxim Gorki Theater und kehrte von 1978 bis 1990 ans Ensemble des Deutschen Theaters zurück. Hier spielte sie die großen Frauenrollen zwischen Klytaimnestra, Alice im "Totentanz" und "Medea", vor allem unter Alexander Lang, dem bestimmenden Regisseur dieser Zeit. Mit ihm war sie – nach ihrer Ehe mit dem Schauspieler Kaspar Eichel – auch privat liiert. Ihr gemeinsamer Sohn Alexej Paryla wurde 1969 geboren. Als Bühnen- und Kostümbildner stattete er später einige ihrer Inszenierungen aus.

Groß war die Bewunderung für ihr zupackendes Spiel, auch für ihre Inszenierungen, etwa von Eugène Ionescos "Die kahle Sängerin" am Deutschen Theater 1990 (mit Simone von Zglinicki, Gabriele Heinz und Michael Schweighöfer). Populär aber wurde sie erst durchs Fernsehen: In der 1979 entstandenen siebenteiligen DDR-Kinderserie "Spuk unterm Riesenrad", die auch in der Bundesrepublik lief und längst Kultstatus besitzt, spielte sie die Hexe Emma, eine schrullige Geisterbahnfigur, die durch Zufall zum Leben erweckt wird und in Ostberlin für Chaos sorgt. 1982 folgte "Spuk im Hochhaus", wo sie als Jette Deibelschmidt 200 Jahre nach ihrem Tod sieben gute Taten vollbringen muss, um endlich ewige Ruhe zu finden. Beide Rollen erdete sie menschlich und bewahrte sie trotz handfestem Ganzkörpereinsatz vor dem Klamauk.

1991 wechselte Paryla ans Schiller-Theater Berlin, später ans Deutsche Nationaltheater Weimar und war von 2004 bis 2008 Schauspieldirektorin der Städtischen Theater Chemnitz, spielte und inszenierte aber auch danach noch, etwa 2011 Maxim Gorkis "Nachtasyl" in Greifswald. Wichtig war ihr dabei immer die Förderung des Nachwuchses: Seit 1985 arbeitete sie als "Ernst Busch"-Dozentin, später hatte sie eine Professur an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelsohn Bartholdy" in Leipzig und leitete mehrere Schauspiel-Studios.

"Bei Katja Paryla haben die Schauspieler Lust am Text, an der Aktion. Und das teilt sich den Zuschauern sofort mit", schrieb ein Kritiker über ihre Inszenierung von Nick Whitbys "Dirty Dishes" am Deutschen Theater. Eine Einschätzung, die so auch auf ihr Spiel zutrifft. Und die die Lücke markiert, die Katja Paryla hinterlässt.


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