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22.08.2013

zitty: Neue Diven - Lilith Stangenberg

Neben Stars wie Nina Hoss oder Sophie Rois gibt es spannende junge Schauspielerinnen an Berlins Bühnen, einige sind bereits auf dem Weg zum Star. Die zitty-Theaterautoren haben abgestimmt und die zehn aufregendsten jungen Schauspielerinnen Berlins gekürt

Ihre Markenzeichen: riesige, auf der Bühne überlebensgroß aufgerissene Augen. Endlose Beine. Ein mysteriöses Timbre irgendwo zwischen Schmirgelpapier und Piepsstimme. Außerdem eine ungewöhnlich rasante Karriere: Ohne Ahnung vom Theater landete Lilith Stangenberg als Jugendliche beim Volksbühnen-Jugendclub P14, wurde für eine Prater-Produktion ausgewählt,
spielte in Hannover und Basel, bis sie im Ensemble des renommierten Zürcher Schauspielhauses landete – mit 20 Jahren, ohne je eine Schauspielschule besucht zu haben.

Jetzt ist sie 24, seit einem Jahr an der Volksbühne, und fühlt sich, als wäre sie nach Hause gekommen: „Die Volksbühne ist ein Ort des Kampfes, des Widerstands, desAbenteuers. Es gibt hier eine riesige Freiheit, aber auch eine unglaubliche Verantwortung.“ Für sie ist es gerade der einzige Ort, an dem sie arbeiten möchte: „Ich bin ja aus einer Faszination für Frank Castorfs Arbeiten zur Bühne gekommen.“

Eine Liebesbeziehung zum berühmten Volksbühnen-Intendanten, die auf Gegenseitigkeit beruhen dürfte. Denn Stangenberg gehört zu den wenigen jungen Gesichtern am Haus, die es problemlos mit
den Volksbühnen-Diven aufnehmen können. Etwa in Frank Castorfs „Das Duell“, wo sie mit irrem Blick, hysterischer Ruhe und beeindruckenden Energieschüben neben Kathrin Angerer und Sophie Rois aufleuchtet. Oder in René Polleschs „Don Juan“, in dem Martin Wuttke ihr einigeseiner schönsten Momente verdankt, die ihn – ebenso zerbrechlich wie er selbst – einen Kopf überschwebt. Schon in Wuttkes „Der eingebildete Kranke“ konnte niemand so elfengleich der Länge nach hinknallen
und sich später so zierlich-widerständig mit Wuttkes Argan verknäulen wie sie. Eigenschaften, die Kritiker schon länger schätzen – 2010 wurde Stangenberg gemeinsam mit Maria Kwiatkowsky zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt.

Allüren allerdings sind ihr fremd – im Gespräch wirkt sie nachdenklich, verletzlich, eine junge Frau, die gerade vollkommen in ihrer Arbeit aufgeht und nicht missverstanden werden will. Sie sucht die Reibung mit den Regisseuren: „Gerade als Frau ist es wichtig, dass du deinen Standpunkt klarmachst.“
Aber auch mit dem Pub likum – etwas, was in Zürich nicht so leicht zu haben war: „Da bestand immer die Gefahr, sich’s zu gemütlich zu machen.“ Immerhin hat sich der Umweg über die Schweiz gelohnt,
weil sie, die Quereinsteigerin ohne Schauspielstudium, anders gewappnet nach Berlin zurückkehren konnte.

Hier ist sie in Kreuzberg aufgewachsen (wo sie auch heute wieder lebt) – ziemlich theaterfrei. Ihr Arbeitspensum wirkt, als müsse sie das wieder aufholen: Schon in Zürich stemmte sie in jeder Saison fünf Produktionen, darunter etliche Hauptrollen wie das Käthchen von Heilbronn, innerhalb ihres ersten Volksbühnen-Jahres hatte sie sieben Rollen und nebenbei Filme gedreht. Das geschieht nun öfter, „was sicher auch an Berlin liegt“. So richtig traut sie dem deutschen Film aber nicht: „Da herrscht ein
Spiel bis zur Ausdruckslosigkeit“, sagt sie, „mich interessieren expressives Spiel und Außenseiter, Randgestalten, besondere Menschen“ – und eine starke Sprache. Auch deshalb sagt sie von sich: „Ich bin ein richtiges Bühnenmädchen!“


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