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09.09.2013

Berliner Morgenpost: Pollesch inszeniert "Glanz und Elend der Kurtisanen" in Berlin

Große Schauspieler und zwei, drei umwerfende Szenen überbrücken nicht immer die Schwatztäler, die dazwischen gähnen: René Pollesch inszeniert "Glanz und Elend der Kurtisanen" an der Volksbühne.

Wie das glänzt und funkelt, glitzert und flirrt! Riesige Lametta-Fäden hängen vor den Bühnenwänden bis vorn an die Rampe und vibrieren sanft, als ginge ein leichter Wind durch sie. Unten leuchtet der Boden als große Spiegelfläche. Bert Neumann hat eine Steilvorlage geliefert für René Pollesch und sein Personal, das sich und das Verhältnis von Schein und Sein, Sehen und Gesehen werden (im Theater, im Leben) stets ausgiebig reflektiert. So beugen sich die fünf Schauspieler diesmal mehr als einmal vornüber, um sich zu spiegeln.

Spiel oder Realität? Repräsentation oder Authentizität? Fragen, die wie immer klingen in Polleschs Textflächen, diesem nicht enden wollenden Gedankenstrom, bei dem man oft den Eindruck hat, der Autor Pollesch würde sie endlos fortschreiben, der Regisseur Pollesch sie in handliche 90-Minüter zurechtschnippeln und mal mehr, mal weniger zündend inszenieren. "Glanz und Elend der Kurtisanen" an der Volksbühne gehört zu seinen Abenden der Mittellage: Große Schauspieler und zwei, drei umwerfende Szenen überbrücken nicht immer die Schwatztäler, die dazwischen gähnen.

Martin Wuttke, anfangs noch im Felloberteil mit Wuschelperücke und schiefen Zähnen (die er rausnimmt und wieder einsetzt), später im Abbé-Ornat, schließlich im historischen Kleid, ist tonangebender Chef-Ideologe und Spielmacher, hinreißend in seinem Wort-Ringen und seinem Gestengefuchtel. Ihm gehört auch einer der schönsten Momente, als er mit dem lebensechten Heißluftballon ringt, auf dessen Rundung "BALZAC" prangt: Er tanzt mit ihm, dirigiert, bespringt, schmiegt sich an ihn, um sich dann in ihn zu verkriechen.

Dazu Birgit Minichmayr im grünen Wams, absolut tiefenentspannt. So lässig wie witzig entspinnt sich ihr Dauerdialog mit der Souffleuse, aber wenn es darauf ankommt, stanzt sie Polleschs Sätze mit orgelnder Divenhaftigkeit hin. Gemeinsam mit Christine Groß, Trystan Pütter und Franz Beil (die ihre Texte eher leidenschaftslos abliefern) tanzen sie swingend große Showchoreografien, stehen ansonsten herum oder wechseln unmotiviert die Positionen, rauchen unentwegt ("Ich will ein Verhältnis zu dir aufbauen, deshalb rauche ich", sagt Wuttke einmal) und räumen die Bühne für die großartigste Szene: Da fällt der Vorhang, nur um sich wieder zu öffnen, dröhnt pathosschwanger Filmmusik, tobt der Ballon allein im Flitter-Sturm. Laut Text "ein Meisterwerk aus Versehen".

Was das alles mit Honoré de Balzacs titelgebendem Mammutroman zu tun hat, entstanden zwischen 1838 und 1847? Auch dort geht es um Schein und Sein, Masken und Verkleidungen, das Leben durch Stellvertreter. Pollesch übernimmt wenige Sätze, Namen und Motive wie schon bei seinem "Don Juan", der Rest ist das übliche Diskursgeraune. Balzac übrigens wird wohl für die Volksbühne, was im vergangenen Jahr Molière war: Auf Polleschs "Glanz und Elend der Kurtisanen" folgen Frank Castorfs "La Cousine Bette" und "Trompe l'Amour" in Wuttkes Regie.


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