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29.09.2013

Berliner Morgenpost: Wichtige Themen verschwinden im Bühnennebel

Zu lang, zu beliebig: "Black Bismarck" im HAU

Wie weiß ist Weiß? Ziemlich rosa, wie ein kleines Experiment zeigt: Da versucht der Performer Joachim Robbrecht, den rassistischen Witz vom Schwarzen auf dem Zebrastreifen ("Man sieht mich, man sieht mich nicht...") umzukehren. Er baut sich vor weißen Flächen auf und behauptet, unsichtbar zu sein. Funktioniert natürlich nicht, und je nachdrücklicher er darauf beharrt, desto lächerlicher erscheint der Versuch – wie die Aufteilung der Menschen in Schwarz und Weiß. Ein starker Moment in "Black Bismarck" der Performance-Truppe ancompany&Co. – einer der wenigen in diesem mit 100 Minuten viel zu langen Abend. Dabei ist das Thema spannend: Allein aus der Tatsache, dass die Kolonialmächte 1876 Afrika auf Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarcks unter sich aufteilten und dabei willkürliche Grenzen festlegten, die bis heute zu blutigen Konflikten führen, ließe sich ein Projekt füllen. Ebenso aus der Frage, ob sich weiße Schauspieler schwarz anmalen dürfen. Oder der Tatsache, dass es auf deutschsprachigen Bühnen so wenige farbige Schauspieler gibt.

 

Alle diese Themen werden in "Black Bismarck" angerissen, verknüpft, weitergesponnen. Das wirkt auf der Bühne des HAU 2 allerdings, als habe da eine Dramaturgen-Gruppe ihre wilden Assoziationen ungefiltert auf die Bühne gelassen, wo sie einander beliebig und witzelnd jagen. In einem der U-Bahn-Station "Mohrenstraße" nachempfundenen Raum zählt Dela Dabulamanzi die 142 erhaltenen Bismarck-Türme durch. Schauspieler verkleiden sich als Birken, bei jeder Farberwähnung piept's. Ein Außenteam sieht sich in Brandenburg nach den Resten der Feriensiedlung Neu-Afrika um, außerdem suchen die Performer zwischen der Siegessäule und Afrikanischem Viertel nach Kolonialismus-Spuren. Große, wichtige Themen, die hier inhaltlich wie szenisch beliebig im Bühnennebel verschwinden.


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