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30.09.2013

Berliner Morgenpost: Großes Herz unter grober Proll-Schale

Geglückte Dramatisierung: "Ziemlich beste Freunde"

Weit ist der Himmel und hell, davor ragen majestätisch die Berge auf, sanft umrundet die Kamera sie. So muss es sich anfühlen, wenn man am Gleitschirm durch die Luft schwebt. Plötzlich taucht der Schattenriss eines Paragliders auf, schlägt abenteuerliche Volten, verschwindet wieder. Mit wenigen (Video-) Bildern ist so das Motiv gesetzt, das sich durch die Inszenierung zieht: Wie viel Freiheit ist möglich, auch dann, wenn der Körper nicht mehr mitmacht?

Es ist einer von vielen Momenten, in denen Regisseur Martin Woelffer beweist, dass er die Bühnenfassung des Films "Ziemlich beste Freunde" von 2011 fest im Griff hat.Kein leichtes Unterfangen, schließlich ist die Vorlage übergroß: Allein in Deutschland haben mehr als neun Millionen Zuschauer den Film von Eric Toledano und Olivier Nakache gesehen, der auf einer wahren Geschichte basiert. Philippe ist seit einem Unfall beim Paragliden vom Hals abwärts gelähmt, seine Frau starb an Krebs. Erst als Driss bei einem Bewerbungsgespräch aufkreuzt (und eigentlich nur eine Unterschrift will, um Stütze zu kassieren), ändert sich sein Leben: Der coole Junge aus der üblen Vorstadt reißt Philippe in seiner Lebensfreude mit.

Auch in der Komödie am Kurfürstendamm, wo Mike Adler das versnobte Setting vom ersten Moment an ordentlich aufmischt. Adler ist eine Naturgewalt, ein Ganzkörperschauspieler, dessen kreuzsympathischen Driss man auch die dämlichste Zote verzeiht. Mit großer Klappe und ebenso großem Herzen unter der groben Proll-Schale jagt er über die Bühne, stellt in seiner naiv-offenen Art die richtigen Fragen und grinst jeden Einwand in Grund und Boden.

Die Geschichte nach einer wahren Begebenheit ist ja im Grunde zu schön, um wahr zu sein, und schon die Verfilmung lebt vor allem vom ungleichen Schauspielerpaar Omar Sy und Francois Cluzet, das so herzhaft aufeinanderprallt. Auch am Kudamm nimmt sich die Regie Zeit, die beiden ungleichen Männer sich aneinander gewöhnen zu lassen. Dabei bleibt die – schwierige, weil nahezu bewegungslose – Rolle Philippes zunächst blass: Erdal Yildiz beweist im Rollstuhl eine ungeheure Körperbeherrschung. Aber sein ironisch-sanftes Lächeln bietet kaum Raum für Konfliktpotenzial. Erst nach der Pause gewinnt Philippe an Kontur, als Driss ihn für eine Weile verlässt: Da weicht Yildiz' vorher ernst-steifes Kopfspiel einer raumbestimmenden Energie.

Regisseur Woelffer löst in Gunnar Dresslers Bühnenfassung die üblichen Übertragungsprobleme vom Film auf die Bühne geschickt. Vor allem erinnert er mit den projizierten Bergbildern immer wieder an den Auslöser von Philippes Verletzung – und zugleich an dessen geistige Weite. Woelffer findet zudem die schöne Lösung, Philippe und Driss direkt an die Rampe zu setzen. Noch während das Premierenpublikum aufgekratzt plaudert, ertönen erste Stimmgeräusche: Wir sind der Orchestergraben und die Opernbühne, über die Driss gleich markerschütternd lachen muss – ein schöner Perspektivwechsel, der ähnlich für Bewegung sorgt wie Julia Hattsteins klug dynamisierende Bühne. An den Rändern der Inszenierung, in ihren zahlreichen Nebenrollen, reicht es nur noch für Karikaturen und Klischees. Aber ihr Herz pulsiert warm.


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