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10.10.2013

Berliner Morgenpost: Ein paar Dinge bleiben

She She Pops "Ende"

Manchmal hilft nur Exorzismus. Zum Beispiel, wenn einen das ganze bisherige Leben die Songs einer Platte prägen, die man nicht mal richtig gut findet. Also hat sich Lisa Lucassen vorgenommen, alle sieben Lieder von Meat Loafs Platte "Bat Out of Hell" nachzusingen. Die Titel sind auf die Ränder der Bühne gedruckt, nacheinander setzt sie ihre satte, ausdrucksreife Stimme dagegen, mal stimmen die drei Kollegen ein, dann wieder greift sie zur Ukulele oder trommelt sich Begleitungsgeräusche zusammen.

 

Ja, sie wird dieses Projekt zu Ende bringen. "Ende" ist schließlich auch der Titel des neuen Abends von She She Pop, seit ihrem "Testament"-Hit Liebling der Berliner Performance-Szene. Dabei geht es zunächst einmal ums Anfangen: Mieke Matzke erzählt die Schöpfungsgeschichte in sieben Tagen. Im HAU3 allerdings ist die Welt am Anfang nicht wüst und leer, sondern voller Krempel: Die Schnüre, Zettel und Äpfel auf der kreisrunden Spielfläche, die zur Hälfte hochgeklappt ist, haben sich angeblich beim Probenprozess so angehäuft. Was aber sei Schöpfen anderes als zu unterscheiden, fragt Matzke. Und fängt an mit dem Aufräumen: Kommen die Wasserflaschen nun zum Wasser oder zu den Flaschen? Oder taugt der Überbegriff "rollbare Elemente"? Sie selbst ist also als Gott besetzt, die singende Lucassen als himmlische Heerscharen. Sebastian Bark als Adam fesselt sich zunehmend selbst, Ilia Papatheodorou zieht sich mit schonungsloser Konsequenz alle Klischees über Weiblichkeit über, – das ist witzig, solange sie sich Orangen(haut)bäckchen anklebt und mit finsterer Miene die perfekte Gastgeberin spielt. Danach tut's weh.

Wer entscheidet überhaupt, wer und was eine Frau ist? Indem Matzke die Bühnenrequisiten ordnet, zeigt sie, wie willkürlich Definitionen mitunter sind – kann man schließlich auch ganz anders sehen. Am Ende bleibt eine kleine Schachtel mit Dingen übrig, die nirgendwohin passen. So wie auch an diesem Abend nicht alle Fäden verknüpft werden. Zum Glück! Hatte man bei She She Pops letzten Abenden den Eindruck, dass zu wenig in die Tiefe gedacht wurde und alles irgendwie freundlich aufging, legen sie nun durchaus verstörende Spuren ins Dunkle. Dennoch funkeln lange komische Momente, wenn die Performer sich mit Helium-entstellten Stimmen gegenseitig charakterisieren. So wird die (Theater-)Welt vielleicht nicht gerade neu erfunden, aber doch ziemlich gut zu einem (vorläufigen) Ende gebracht.


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