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13.10.2013

Berliner Morgenpost: Das süße Leben hat seinen Preis

Für "Der talentierte Mr. Ripley" am Deutschen Theater kitzelt Regisseur Bastian Kraft aus Patricia Highsmiths Roman von 1955 sämtliche Bühnenmetaphern heraus.

Man hat schon sympathischere Hochstapler gesehen: Verklemmt und streberhaft wirkt dieser Tom Ripley von Christoph Pütthoff, gehemmt, schüchtern und in seinem verkrampften Buhlen um den wohlhabenden Dickie Greenleaf sogar ziemlich hysterisch.

Erst, als er Dickie umgelegt hat und in dessen Identität schlüpft, entspannt er sich – plötzlich ist ihm die Welt eine Bühne. Also hat ihm Ben Baur eine Art Portal in die Kammerspiele des Deutschen Theaters gebaut, einen Rahmen, zugleich der Schwebebalken für den Balanceakt seines Doppellebens. Ihn wird er erst am Ende verlassen, wenn alle Gefahr gebannt und er ein reicher Mann ist.

"Der talentierte Mr. Ripley" ist einer jener Identitätsjongleure, mit denen sich Bastian Kraft so oft auseinandersetzt. An den DT-Kammerspielen zum Beispiel hat Kraft zuletzt Max Frischs "Biographie. Ein Spiel" inszeniert. Für die DT-Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt kitzelt er aus Patricia Highsmiths Roman von 1955 sämtliche Bühnenmetaphern heraus. Zwar unterschlägt er, dass Ripley ursprünglich Schauspieler werden will, man sieht's auf der Bühne aber ohnehin ständig: Vorne und hinten öffnet und schließt sich ein Vorhang, hinten gibt es Stuhlreihen, in denen ein Ripley-Doppelgänger sitzt und Tom mit einer Kamera dabei aufnimmt, wie er Gedanken formuliert; das Ergebnis landet in Großaufnahme auf der Bühnenrückwand.

Mit in den coolen Jazz getriebenen Popsongs kommentiert Franziska Machens das Geschehen wie eine Moritatensängerin ohne Moral und schlüpft dann übergangslos an einem der zwei Schminktische ins Kostüm von Marge, mit der Greenleaf (ein entspannt Ich-bezogener Charmebolzen: Daniel Hoevels) in Italien lebt. Dort stöbert sie Ripley auf Anweisung von Greenleafs Vater auf, der den Sohn zum großbürgerlichen Leben bekehren will. Dort findet Ripley Geschmack am süßen Dasein – und geht dafür über Leichen.

Krafts Inszenierungen sind szenische Well-made-plays auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kunsthandwerk: dramaturgisch wie rhythmisch perfekte Abende, schnurrende Uhrwerke, die einen in ihrer Vollkommenheit manchmal kalt lassen. Und in Momenten zur unfreiwilligen Komik neigen: Wenn Ripley Freddie umbringt, dann ist das nicht so cool choreografiert wie der Mord an Dickie, sondern eine wilde Würgeorgie und Prusterei, nach der der Leiche noch eine Weile der Bauch geht. Dennoch beeindruckt der Abend durch seine Effizienz: Zum Segeln reicht ein Seil; ein Stück Holz und ein wenig Flitter vor der Windmaschine skizzieren die Motorbootfahrt. Mit Übertitel-Zitaten aus dem Roman streut Kraft unaufdringlich einen Erzähler ein. Berührend ist hier nichts, dafür swingt alles: von der faszinierenden Leichtigkeit des Erzählens.


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