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09.10.2013

nachtkritik.de: Shakespeares Spiralmuster

"Das Schottenstück" – David Marton vertont und bebildert Shakespeare irrlichternd an der Berliner Volksbühne

Ziemlich zu Beginn gibt es einen Moment, da baut sich Lilith Stangenberg vorne auf, während alle anderen hinten am Flügel gemeinsam harte Monsterakkorde greifen. Mit jedem von ihnen verändert sich Stangenbergs Gesichtsausdruck, biegt sich ihr freundliches Lächeln zur Fratze, bis die Lider gefährlich flackern, die Augen zucken und sich die Mundwinkel einander bedrohlich nähern. Dann löst sich die Spannung ins Gegenteil, irgendwann wechselt sie nur noch zwischen Gut und Böse, ein irres Gewitter der Emotionen, das einerseits hochnotkomisch ist, andererseits aber jene zwei Gesichter nahezu simultan ins Bild bannt, die das Theater repräsentieren: die lachende und die weinende Maske.

Es ist also schon Theater, was hier über Bert Neumanns Bühne geht – vorne latexroter Guckkasten, hinten leeres Riesenrund mit Flügel in der Mitte –, obwohl der Titel doch insistiert: "Das Schottenstück. Konzert für Macbeth". Stimmt ja ebenso: Die meisten in David Martons erprobtem Team sind Musiker, und so reihen sich die Titel aneinander zwischen Purcell und Ysaÿe, The Doors und Nina Simone, oft in großartig eigenwilligen Interpretationen.

Einmal spielen sie Bachs Orgel-Passacaglia in aberwitziger Besetzung mit E-Gitarre, Trompete, Geige, Querflöte, Akkordeon und Melodica, rau und mit weitem Sehnsuchtsatem, bis die Musik ins Terror-Staccato kippt und Trompeter Paul Brody die Kopfschmerz-Visionen der Lady jazzt. Überhaupt die Lady: Ihre Texte bestimmen den alptraumhaft-ironischen Bilderreigen mit einer guten Hand voll Shakespeare-Zitate. Schließlich ist "das schottische Stück" die unter abergläubischen Schauspielern übliche Bezeichnung für "Macbeth".

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