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17.10.2013

Berliner Morgenpost: Von allen begehrt – und doch allein

Luc Bondy inszeniert "Don Juan kommt aus dem Krieg" am Berliner Ensemble

Am Ende sitzt Don Juan auf dem verschneiten Grab seiner Verlobten, an der er sich einst "versündigt", die er nach dem Krieg in allen Frauen gesucht und nie mehr gefunden hat. Weit und leer ist die Bühne, von einem riesigen Laken verdeckt, rein wie die Seele der Verstorbenen. Der Schnee rieselt, aber das bekommt Don Juan schon nicht mehr mit: Er schmiegt sich an die weichen Kurven des Grabhügels und ist hinüber.

 

Was muss der Krieg für eine Umwälzung aller Werte sein, dass sie selbst aus dem legendären Womanizer einen treuen Mann macht? So fragt Ödön von Horváth in seinem 1934 bis 1936 entstandenen "Don Juan kommt aus dem Krieg". Innerlich wie äußerlich versehrt trifft er als einziger Mann auf eine Frauen-Inflation; in allen meint er, einen Abglanz seiner Verlobten zu sehen.

Horváth skizziert hier nur Typen. Don Juan ist der Mann an sich, ein traumatisierter Inflationsgewinnler, von allen begehrt, von keiner geliebt. Was zwangsläufig in Klischees endet: Dass die Frauen hier aggressiv die Führung übernehmen, sei's beim Tanzen, sei's bei der Annäherung, sich aber doch als hysterische Gänse entpuppen, ist chauvinistischer Schmarrn. Kein Wunder, dass das Stück so selten gespielt wird.

Wo Horváth eine kalte, abweisende Welt skizziert, einen holzschnittartigen Reigen vom Krieg angefressener Seelen, sentimentalisiert Luc Bondy sanft. Was den Meister der differenzierten psychologischen Figurenzeichnung an diesem Stoff interessiert, weiß man auch nach knapp zwei Stunden im Berliner Ensemble nicht. Man sieht Schlaglichter, Karikaturen im 1920er-Fummel, manchmal gar Charaktere und Szenen, und wie die gebaut sind, ist natürlich raffiniert: Mal verlagert er das Geschehen fließend von der Rampe in die Bühnentiefe, dann wieder arbeitet er mit entschiedenen Lichtwechseln und Klangeffekten. Hinten lodern die Flammen der Kriegshölle, vorne öffnet sich eine violette Sitzbank für die Frauenzimmer. Schön ist das, aber es erzählt zu wenig. Anders die Besetzungsliste, ein Who-is-Who der jüngeren Theatergeschichte: Bondy und seine früheren Schaubühnen-Kollegen Karl-Ernst Herrmann und Dieter Sturm (als Dramaturg einst der Schaubühnen-Vordenker) treffen in Claus Peymanns Theater auf die Volksbühnen-Protagonisten Kathrin Angerer und Samuel Finzi, auf Ilse Ritter aus Peymanns großen Burgtheater-Zeiten und Swetlana Schönfeld, eine Große des DDR-Theaters.

Auf der Bühne aber fügen sich diese Trümmerstücke des Vergangenen nicht zum Ganzen. Finzi, der so viel mehr könnte, schlurft hier müde über die Bühne, schaut traurig aus seinen dunkel geschminkten Augen und schwingt sich nur in seinen Szenen mit Kathrin Angerer zu ein wenig Ironie auf. Die spielt als Professoren-Witwe großes Melodrama, und wie sie hier Horváth greinend toppt, hat dann doch etwas Großartiges. Momente, die matt aufleuchten in diesen zu grellen Miniaturen neigenden Szenenfolgen. Nicht gar so grell wie sonst an diesem Haus, sondern eine müde, durchaus formbewusste Abschiedsgeste eines Theaters von gestern, das noch einmal seine Protagonisten aufbietet, um Lebewohl zu sagen.


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