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31.10.2013

Nürnberger Nachrichten: Amerikanische Geschichte eines Aufstiegs

Katharine Mehrling spielt in der Nürnberger Inszenierung des Musicals „Funny Girl“ die Hauptrolle

Es ist die typisch amerikanische Geschichte eines Aufstiegs, weil da jemand an sich selbst glaubt. Und zugleich die Geschichte einer scheiternden Liebe. Zusammen mit Ohrwürmern wie „People“, „Second Hand Rose“ und „Don’t Rain on My Parade“ machte dieser emotionale Spagat das Musical „Funny Girl“ 1964 von Komponist Jule Styne und den Textern Isobell Lennart und Bob Merrill zu einem Broadway-Renner – und seine Hauptdarstellerin Barbara Streisand berühmt. Für die Verfilmung von 1968 bekam sie den Oscar als beste Darstellerin. Am Samstag hat das Werk über das Werden eines Stars am Staatstheater Nürnberg Premiere.

Große Fußstapfen also, in die sich Sängerin und Schauspielerin Katherine Mehrling da als Fanny Brice begeben wird. Brice arbeitete sich in den 1910ern als Kind ungarisch-jüdischer Einwohner in New York zur berühmten Komikerin, Entertainerin, Sängerin, Theater- und Filmschauspielerin empor – und war damit ebenso vielseitig, wie es Mehrling heute ist. „Ich möchte mich nicht festlegen“, sagt sie, die den Begriff Musical-Star für sich ablehnt. „Ich finde dieses Kategorisieren schade.“

Mehrling singt und spielt im Schauspiel, im Musical und in der Operette, sie erarbeitet Chansonabende und hat mit dem Jazz-Klarinettisten Rolf Kühn eine Platte mit selbstgeschriebenen Songs aufgenommen: „Am Rande der Nacht“; im Stauffenberg-Film „Valkyrie“ mit Tom Cruise singt sie im Nachtclub „Für eine Nacht voller Seligkeit“. Große Vorbilder haben sie dabei noch nie abgeschreckt. Sie interpretiert die Lieder von Edith Piaf und Judy Garland, spielte die Rollen von Marilyn Monroe (im Musical „Manche mögen’s heiß“) und Tippi Hedren (im speziell für sie geschriebenen „The Birds of Alfred Hitchcock“) – immer in sehr eigenständigen Interpretationen. „Natürlich ist Barbara Streisand eine Vorlage, die inspiriert“, sagt sie. „Aber ich bin so anders als diese Frau. Ich löse mich da relativ schnell und benutze meinen Körper, meinen Geist, meine Seele, um eine Figur zu kreieren.“

Mit 1,55 Metern ist Mehrling noch kleiner als die Streisand, hat aber mindestens so viel Energie. Ihre Stimme ist sowieso eine eigene Kategorie: Jazz und Schmelz sind darin, Berliner Schnoddrigkeit (dabei kommt sie aus Hessen!), unschuldige Kindlichkeit und vibrierende Erotik, ein angeraut wirkendes Timbre, das mühelos ins Strahlen kippen kann. Überhaupt ihre Begabung, auch in den Texten mühelos von der Komik in die Tragik zu pendeln und zurück! Berlin ist gerade im Mehrling-Fieber, seit Juni, als an der Komischen Oper Hausherr Barry Kosky die Paul-Abraham-Operette „Ball im Savoy“ glücklich wiederbelebte – mit Stars wie Dagmar Manzel und Helmut Baumann. Und mit Mehrling als pausenlos parlierender, charmanter, blitzgescheiter, umwerfend aussehender und anbetungswürdig singender Komponistin Daisy Darlington in Hosen und mit Bubikopf. Übrigens eine Art Zufallstreffer: Mehrling sprang relativ kurzfristig für eine Kollegin ein – und wurde vom Feuilleton gefeiert.

Vom Berliner Publikum sowieso, aber das weiß schon seit zehn Jahren, was es an Mehrling hat. Da kehrte sie nämlich nach Lehr- und Wanderjahren in London (wo sie schon während der Ausbildung im Westend sang) und New York nach Deutschland zurück und lebt seitdem in der Hauptstadt. Hier sang sie in der Bar jeder Vernunft mehr als 250 Mal die Sally Bowles in „Cabaret“, spielte in „Pinkelstadt“ und in „Non(n)sense“, wurde für ihren Piaf-Abend ebenso gefeiert wie für ihre Darstellung der Judy Garland in „End of the Rainbow“ am Schlossparktheater.

Gerade sind alle Vorstellungen, in denen sie in Berlin auftritt, ausverkauft. Mehrling hat auch schon andere Zeiten erlebt. „So sehr ich mich über diesen Erfolg freue, über die tollen Kritiken – das gibt mir Bodenhaftung. Wichtig ist, dass ich jetzt nicht in meinem künstlerischen Anspruch nachlasse.“

Hier unterscheidet sie sich übrigens von Fanny Brice, die ansonsten schon eine Identifikationsfigur ist: „Ihr ungebrochenes Selbstbewusstsein war für mich ein Problem“, sagt Mehrling. Sie selbst sei eher reflektiert und zweifelnd. Aber sie habe von ihrer Figur gelernt: „Ich habe mir ein Stück weit Fannys optimistische Selbstvertrauen angeeignet, das sie trotz aller Barrieren und dummen Sprüchen hat.“

Dafür hatte sie bereits in Dortmund Zeit – 17 Mal lief dort die „Funny Girl“-Inszenierung von Stefan Huber, die jetzt nach Nürnberg kommt. Hier hatte Huber schon bei „Silk Stockings“ und „Sweet Charity“ Regie geführt. „Die Premiere hat natürlich eine besondere Atmosphäre, aber der eigentliche Prozess geht erst bei der zweiten Vorstellung los“, sagt Mehrling. „Dann entwickelt man Dinge mit den Kollegen, da wird jeder Abend anders.“

In Nürnberg war sie bisher nur einmal, „da habe ich in Fürth mit ‚Ewig jung’ gastiert und bin dann mit meinem Hund nach Nürnberg gelaufen – und wieder zurück.“ Jetzt freut sie sich auf die „wunderschöne Stadt“, auf die neuen Kollegen vom Staatstheater, auf den Christkindlesmarkt. Nur die lokalen Spezialitäten von Drei im Weckla bis Schäuferla wird Mehrling nicht probieren – sie ist Vegetarierin.


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