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30.10.2013

Nürnberger Nachrichten: Zurück zu den Wurzeln

Marius Müller-Westernhagen geht wieder auf Tour, will sein Publikum dabei hautnah erleben— und kommt am 17. April auch nach Nürnberg

Marius Müller-Westernhagen ist ein Mann der Kontraste. Ein Rock’n’Roller, dessen beste Lieder eher an einen Singer/Songwriter erinnern. Ein Womanizer, der seit 27 Jahren mit derselben Frau verheiratet ist. Ein Draufgänger, der sich als Stubenhocker bezeichnet, als Nachdenker und Bücherfreak und der Alkohol nur in Maßen trinkt. Mit Hits wie „Freiheit“, „Weil ich dich liebe“ und „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ wurde er zum ersten deutschen Künstler, der ganze Stadien füllte – und der jetzt, zum ersten Mal seit Jahrzehnten, wieder auf eine Club-Tour geht.

Also dahin zurück, wo in den 70ern alles begann. Zu den Studentenkonzerten im Ruhrpott, auch zurück zum Blues. „Blues ist die erste Musik, die ich gefühlt habe. Ich komme zu der Musik zurück, die mich als Erstes motiviert hat.“ Natürlich ist das auch Konzept, ein großes Geheimnis, das er aufbaut: Auf der Tour spielt er ausschließlich Lieder seines neuen Albums „Alphatier“, das erst nach dem letzten Konzert in Berlin erscheinen wird, auf CD und Vinyl.

Nicht mal Journalisten dürfen es vorher hören, der Pressetext verspricht „ein Album, das textlich und musikalisch rebelliert und rockt als wäre es das Frühwerk einer aufbegehrenden, jungen Band.“ Was sich in Nürnberg überprüfen lässt: Am 17. April 2014 spielt Müller-Westernhagen im Löwensaal – hautnah zum Publikum: „Ich will keine Barrieren vor der Bühne“, sagt der Musiker. Der Vorverkauf hat gestern begonnen, die Preise sind mit knapp 50 Euro und einer ordentlichen Schüler- und Studentenermäßigung vergleichsweise moderat. Auch das eine Reverenz an seine Wurzeln: „Bei der Sache ist nichts zu verdienen, aber die Platte ist es wert.“

Mag er auch mit den Clubs und dem Blues zurück zu den Wurzeln gehen – inhaltlich hat er sich weiterentwickelt, wie er betont: Für „Alphatier“ hat er mit amerikanischen Künstlern zusammengearbeitet, die er zum Teil schon seit seinem letzten Album „Williamsburg“ von 2009 kennt und schätzt: „Das ist die A-Klasse amerikanischer Musiker. Die bringen einen auf ein ganz anderes Level.“ Mit seinen Anfängen hat das nichts zu tun: „Als ich mit 14 meine erste Band hatte, konnten wir überhaupt nicht spielen.“ Jetzt freut er sich sichtlich, dass sein Team nach drei Tagen geklungen habe, als spielte es schon seit zehn Jahren zusammen. „Die haben mich in ihren Kreis aufgenommen. Das sind keine Musiker, die oben stehen, um zu zeigen, was sie können. Die müssen das nicht, die dienen nur der Musik.“

Die Idee zur Club-Tour entstand bei den Aufnahmen in New York, wo die Chemie zwischen ihnen sofort stimmte. „Mit den Musikern jetzt klingt es das erste Mal so, wie ich mir gewünscht habe, dass es klingt.“ Nach Jahrzehnten im Konzertzirkus wirkt so eine Feststellung fast ein bisschen melancholisch. Man merkt Müller-Westernhagen an, wie stolz er auf das Ergebnis ist – und wie sehr er sich bemüht, vor dieser kleinen Journalistenrunde in Berlin ein Geheimnis aus der Platte und der Tour zu machen, die Spannung zu steigern. Gerade weil der dann doch Kleinigkeiten blicken lässt: Dass er sich von afrikanischer Musik habe inspirieren lassen und auch mal wieder einen „wütenden politischen Text“ geschrieben habe. Über was genau? Keine Antwort. „Aber Themen gibt’s ja gerade genug.“

Nötig, so viel ist sicher, hat er das alles nicht. Ums Geld kann es nicht gehen. Vielleicht um Aufmerksamkeit? Als er sich zu Beginn in Hut und Sonnenbrille den Fotografen stellt, wird nicht ganz klar, ob er das gerade genießt oder das Blitzlichtgewitter eher erträgt. Auch ein neues Kinoprojekt – für Filme wie „Theo gegen den Rest der Welt“ von 1980 bekam Müller-Westernhagen immerhin etliche Preise – hat er nicht geplant: „Je länger meine Zeit als Schauspieler her ist, desto größer wird die Legende“, sagt er jetzt, ein Vierteljahrhundert nach seinem letzten Film. Damals habe es wenig Persönlichkeiten im Kino gegeben, heute sei das mit vielen guten Regisseuren und Schauspielern anders. „Da müsste es schon ein Wahnsinnsangebot geben, dass ich sage: Den Stress tu ich mir noch mal an.“

Überhaupt der Stress: Zwischen den Konzertterminen liegt immer ein freier Tag. „So eine Tour ist ja auch anstrengend für einen älteren Herrn“, scherzt Müller-Westernhagen. In wenigen Wochen wird er 65 – spurlos sind die Jahre nicht an ihm vorübergegangen. Um fit für die Konzerte zu sein, macht er zwei Mal in der Woche Krafttraining, drei Mal läuft er: „Das Publikum projiziert auf dich, das ist körperlich spürbar.“

Vielleicht geht es Müller-Westernhagen wirklich nur um die Musik. Vom Groß-Label hat er sich getrennt und macht nun alles selbst, hat künstlerische Freiheit, trägt das finanzielle Risiko. Er kann sich seine Unabhängigkeit im Musikgeschäft leisten, dem er kritisch gegenübersteht. „Es gibt in Deutschland inzwischen sehr gute Musiker“, sagt er. Aber die lernten zum Beispiel auf der Mannheimer Pop-Akademie, „wie abgewichst ich mich in diesem Business verhalten“ kann. Sein Ratschlag an den Nachwuchs: „Fragt nicht: Wie kann ich mich verkaufen? Kümmert euch um die Musik!“


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