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04.11.2013

Die deutsche Bühne: Kittelhelden und Rokoko-Galanterie

Wolfgang Amadeus Mozarts "Così fan tutte" an der Komischen Oper Berlin

Mit der Seele des Menschen ist es wie mit alten Gemälden: Ihre Risse können retuschiert, also unsichtbar gemacht werden – ganz kitten lassen sie sich nie. Das zeigen im Kunstfall zumindest Röntgenbilder. In der Restaurierungswerkstatt, die Uta Gruber-Ballehr als imposant kühlen, tiefen Raum auf die Bühne der Komischen Oper gebaut hat, leuchtet denn zur Pause auch der Hinweis „Achtung! Röntgenanlage in Betrieb“ auf: Fissurenforscher bei der Arbeit.

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis, in ganz Europa gefeierter Schauspielregisseur und seit zwei Salzburg-Engagements zunehmend im Musiktheatereinsatz, macht in seiner Inszenierung von „Così fan tutte“ den Oberrestaurateur: Er legt die verschiedenen Schichten des Werks frei, ohne am Ende ein letztgültiges Bild zu bekommen. Wie schon in seiner behutsamen Puschkin-Annäherung „Eugen Onegin“ an der Berliner Schaubühne vermisst er genau die historische Distanz. Mit dem libertinären Rokoko-Geist haben unsere heutigen Beziehungsmodelle kaum etwas zu tun, also versucht es Hermanis über die erotisch aufgeladenen Werke der französischen Maler Boucher und Fragonard. Links und rechts des Orchestergrabens hängen sie übergroß, wo Statisten nach und nach mit feinem Werkzeug die Paarkonstellationen sichtbar machen; auch sonst tauchen immer wieder galante Gemälde und Bildausschnitte auf, um die Handlung zu kommentieren.

Auf der Bühne versprühen unterdessen die bekittelten jungen Kollegen von Institutschef Don Alfonso eine ziemlich rationalisierte Erotik, jugendliche Thirtysomethings mit Nerdbrillen und unterkühltem Berufsethos. Kein Wunder, dass es ihn reizt, da die Schichten freizulegen, die Paarungen neu zu sortieren. Wie Mozart, der anfangs die – opernhistorisch falschen – Stimmfächer zusammentut, um sie erst im Experiment richtig zu kombinieren. Also lässt Alfonso die Herren nicht als Türken oder Armenier, sondern als Rokoko-Jünglinge wiederkehren, die den Original-Porträts der Zeit auf die Perückenlocke gleichen. Als italienisch singende Charmebolzen werben sie mit breiten Operngesten und Schmelz in der Stimme um die spröden jungen Damen. Als sie Feuer fangen, steigen auch sie in ausladende Gewänder und übernehmen Da Pontes Original-Verse.

Bei Hermanis sieht und hört man immer nur dann wahre Leidenschaft glühen, wenn Tenor und Sopran, Bariton und Mezzo beieinander sind. Schon die Ouvertüre klingt kühl, zuweilen grell, allein das Così-Motiv strahlt warm. Auch später schafft Orchesterchef Henrik Nánási Kapseln absoluter Schönheit und reinen Gefühls im unterkühlten Brausen, etwa wenn auf der Bühne Fiordiligi und Dorabella im Abschiedsschmerz mit Don Alfonso vor einem Schiffsgemälde zusammenrücken und ihre Stimmen in Vollkommenheit verschmelzen: ein Moment, wie aus einer anderen Welt herübergeweht.

Überhaupt die Stimmen: Das Opernhaus des Jahres hat ein junges, begabtes, spielfreudiges Sextett meist idealer Mozartstimmen kombiniert. Wie Nicole Chevaliers Fiordiligi und Theresa Kronthalers Dorabella vokal wie körperlich auftauen, wie sie mühelos vom Sprech- ins Singparlando übergleiten, wie sich Chevaliers Körper in fiebergleichen Schüben aufbäumt, als die Leidenschaften in ihr toben, ist ebenso beeindruckend wie Dominik Köningers cooler Guglielmo, der erst in einer Art Pflichtübererfüllung Dorabella im Büro auf der Galerie flachlegt, um sich später tieferschüttert über die Untreue der Frauen aufzuregen. Auch wenn sich der italienische Titel nur auf die Frauen bezieht – bei Hermanis machen’s so alle, also auch die Männer.

Was Tom Erik Lies kühler Spielemacher Don Alfonso (bei ungemein warmem Bariton) zu beweisen versucht, ein Emotionsregisseur, der selbst den Soldatenchor per Knopfdruck zuschaltet, um sein Ziel zu erreichen, und seine Versuchstiere gerne durchs Bürofenster beobachtet. Mirka Wagner als Despina, die als schwangere, offenbar sitzengelassene Putzfrau weiß, wovon sie beim Stichwort Untreue redet, setzt körperkomische Akzente, ohne stimmlich in die übliche Parodie zu verfallen. Nur Aleš Brisceins Tenor bleibt etwas spröde fürs Mozart-Glück.

Natürlich entstehen Reibungsflächen bei einer derart festgelegten Lesart: Warum ist bei den Kittelhelden immer von Soldaten die Rede? Warum faselt Despina, die sich weder als Arzt noch als Notar verkleidet, ein Fantasielatein, als sie die beiden Fremden von ihrer Vergiftung heilt? Warum akzeptieren die neuen Paare einen Ehevertrag von der Putzfrau? Dafür legt der Abend beeindruckend das Tragödienpotential der „Così“ offen. Was im Ergebnis bei aller verbleibenden Komik natürlich nicht so witzig und albern ist wie Doris Dörries Staatsoperninszenierung oder auch Peter Konwitschnys Vorgängerregie. Aber sie nimmt ihre – ungemein sensibel gezeichneten – Figuren ernst. Vor allem deshalb lohnt es sich, bei allen verbleibenden Brüchen diese „Così“ zu sehen – und zu hören.

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