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29.09.2009

AZ München: Die Helden leiden an Wasserfallsucht

Enttäuschend: Am Deutschen Theater Berlin inszenierte Andreas Kriegenburg Kleists Drama „Prinz Friedrich von Homburg“. Auf der Bühne herrschen Infantilismus und Langeweile.

Was ist nur mit diesem Prinzen von Homburg los? Weinerlich bis zur Ermüdung, wandelt er sich vom umnebelten Träumer zum narzisstisten Knaben, vom kriegsspielenden Wickie auf Speed zum sonderbaren Schwärmer, von dem im Moment seines Triumphs nur noch eine zitternde, nasse, erbärmliche Hülle übrig ist. Auch wenn er den ein oder anderen kristallklaren Gedanken äußert – auf der Bühne herrscht romantischer Infantilismus.

Dass in Andreas Kriegenburgs zweiter Inszenierung am Deutschen Theater Berlin innerhalb von zehn Tagen auf der gesamten leeren Bühne Land unter herrscht, kann man in diesem Fall als schlechtes Omen deuten. Alles schreit in tiefem Rot, der wasserbedeckte Boden, der preußische Adler, der auf dem Rundhorizont prangt wie in einem Parlament, die Soldatenmäntel und weiten Kleider. Porzellan-Puppen gleich wirken die gepuderten Schauspieler vor diesem Hintergrund, optisch scharf geschnitten, aber monoton im Sprechen. Was Kriegenburg an der Geschichte um den Helden von Fehrbellin, der zwar in der Schlacht siegt, aber wegen Befehlsbruch zum Tode verurteilt wird, interessiert?

Vielleicht die Menschwerdung einer Betonkopf-Gesellschaft, denn der Puder auf Gesichtern und Dekolletees wird fleckig und macht Platz für echte Gesichter, vor allem bei Ole Lagerpuschs Homburg und Barbara Heynens unterforderter Natalie. Ein Verlauf, der sich nicht deckt mit Kleists Text, für dessen rauschhafte Schönheit niemand ein Gefühl zu besitzen scheint. Stattdessen leiden die Helden unter Wasserfallsucht. Nur wenige ironische Pointen (bevor Homburg Natalie den Handschuh überreicht, wringt er ihn gründlich aus) unterbrechen den eineinhalbstündigen Spurt, können aber die Langeweile nicht durchbrechen. Bis Bernd Stempels Kottwitz ansetzt zu seiner großen Verteidigungsrede, seine Argumente eigenwillig wuchtig hinmeißelt. Da wird’s packend, da beginnt auch Jörg Poses Kurfürst zu grübeln, geht mit sich selbst ins Gericht, ähnelt in seiner aufgeschreckten, selbstgerechten Verteidigung einem Dorfrichter Adam.

Nach diesem Ausbruch lässt Kriegenburg die fremdelnde Geschichte trotz tiefem Rot und bei jedem Schritt plätschernden Wasser wieder schockgefrieren. Für Homburg auf dem eiskalten Seziertisch hatte Johan Simons an den Münchner Kammerspielen 2007 allerdings ein ruhigeres Händchen.


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