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19.11.2013

Berliner Morgenpost: Sie kennen sich erst fünf Wochen – und heiraten

Virtuos: "Schwimmen lernen" im neuen Gorki-Studio

Die Liebe ist ein seltsames Spiel: "Ich finde, wir sind gerade eine gute Idee. Vielleicht die beste, die das Universum je hatte", beteuern sich Feli und Pep anfangs, als sie einander heiraten und sich doch erst fünf Wochen kennen. Da erscheinen Feli sogar die alkoholisierten Kuchensonntage mit Schwiegervater als Abenteuer, und Pep zeigt stolz wie Bolle seinen beringten Finger herum. Aber dann trifft Feli Lil, verliebt sich in sie, zieht ihr hinterher ans Schwarze Meer. Natürlich geht das schief – am Ende sitzt Lil allein am Wasser, an das Feli immer wollte.

 

"Schwimmen lernen. Ein Lovesong" heißt das Stück von Marianna Salzmann. Es ist Teil des Eröffnungswochenendes am Maxim Gorki Theater, genauer des Gorki-Studios, das nun von Salzmann geleitet wird. Die Kleist-Förderpreis-Trägerin war schon an Shermin Langhoffs Ballhaus Naunynstraße aktiv und erhielt für ihr in der Box des Deutschen Theaters uraufgeführtes Stück "Muttersprache Mameloschn" den Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen.

Mit "Schwimmen lernen" knüpft sie gleich doppelt an die beiden anderen Gorki-Eröffnungspremieren an: Auch hier wird die Frage nach Heimat und Fremdheit gestellt, auch hier geht's um Russland. Salzmann und alle drei Schauspieler wurden in der ehemaligen Sowjetunion geboren. Damit spielt Hakan Savaş Mícan in seiner Inszenierung virtuos, lässt seine Schauspieler auf Deutsch und Russisch sprechen, auf Englisch und Russisch singen. Als Sing-Spiel hatte das schon Salzmann notiert, aber wie herzzerreißend leichtfüßig, sanft melancholisch und dennoch existenziell das wirken kann, zeigen Marina Frenk, Anastasia Gubareva und Dimitrij Schaad mit herrlichen Schattierungen zwischen Klavier, Gitarre und Trommel. Von den dreien will man unbedingt mehr sehen – und hören.

Außer ein paar Sehnsuchtsprojektionen vom Meer braucht es nichts, um ihre Figuren auf der langen, schmalen Bühne immer neu aufeinander prallen zu lassen: Verspielt nähern sie sich, diese großen Kinder mit ihren reinen Herzen, die einen trotz ihrer spätpubertären Unbedingtheit enorm berühren. Prägnant auch die zuspitzenden Karikaturen von Eltern und Freunden: Da verrenken sich Gubareva und Schaad ineinander, während sie chorisch giftige Wortpfeile verschießen. Denn auch, wenn die Beziehungen an sich selbst scheitern, ihren Ansprüchen, ihren viel zu groß gedachten Gesten: Das erdrückende, dann feindliche Umfeld tut sein Übriges. Denkt man dann an die russischen Gesetze gegen "Homopropaganda", die Pogromstimmung im Land, bekommt die Geschichte von Feli und Lil eine ziemlich bittere Grundierung.


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