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25.11.2013

Berliner Morgenpost: Ein pubertärer Hamlet zwischen Ritter und Rockstar

Ziemlich grell und zuweilen eigensinnig packt Leander Haußmann Shakespeares vermutlich meistinterpretiertes Werk "Hamlet" am Berliner Ensemble an. Man merkt, dass er beim Film viel gelernt hat.

In gewisser Weise ist das Theater stärker als der Tod: Spätestens zum Schlussapplaus stehen alle wieder auf. Vielleicht ist das der Grund, warum Bob Dylans "Death Is Not The End" als Leitmotiv durch Leander Haußmanns "Hamlet"-Inszenierung am Berliner Ensemble schunkelt. Was auch erklärt, warum einige Exekutierte noch ewig weiterwanken, die anderen umgehend wieder aufstehen und (als Geister) mitspielen.

Aber vielleicht ist der Song auch einfach nur der passende Soundtrack zu Hamlets "Sein oder Nichtsein"-Monolog. Da ist Christopher Nells Dänenprinz schon ziemlich wahnsinnig. Eben hat er Polonius umgelegt, jetzt schneidet er dessen Gehirn heraus und hält es vor sich wie später Yoricks Schädel in der Totengräberszene. Er schnüffelt, leckt an ihm. Lässt es sich anschaulicher über den Selbstmord nachdenken als im Angesicht von blutiger Grütze?

Ziemlich grell und zuweilen eigensinnig packt Haußmann Shakespeares vermutlich meistinterpretiertes Werk an. Zwischen den hohen, ruinenhaften Wandversatzstücken, die Johannes Schütz als Labyrinth nicht aufgehender Puzzleteile auf die Bühne gestellt hat, spannt er den Bogen weit zwischen Ritter-Fantasy-Spektakel mit Schwertern und Kettenhemden und einem Hamlet in Rockstarposen.

Dass Haußmann vom Theater kommt, aber beim Film viel gelernt hat, sieht man überall: Auf dem Vorhang leuchtet der Stücktitel wie frisch von Shakespeare hingekritzelt. Zooms (mit Lichteffekten), Schwenks (die Drehbühne) und Überblenden (da verschränkt er die letzten Sätze der einen mit den ersten der nachfolgenden Szene) zeigen, dass er die Maschinerie beider Welten beherrscht. Offen präsentiert er sein Handwerkszeug. Spaß am Spektakel hat er sowieso: Da dröhnt und donnert es, wabert der Nebel, strahlt das Licht diffus von hinten und wirft lange Schatten.

Obwohl er dabei durchaus grob schnitzt, achtet Haußmann peinlich darauf, dass jede Handlung psychologisch motiviert ist. Ausführlich pinselt er die (im Stück kaum vorkommende) Romanze zwischen Hamlet und Ophelia aus. Hamlets erster Wut-Monolog entfährt ihm, als er Onkel und Mutter beim Einander-Begrabbeln entdeckt.

Einmal hängt der tote Polonius mit einem Speer durchbohrt grauslich-grotesk an einer Wand – kein Wunder, dass die dort umherirrende Ophelia (Gleich sieht sie ihn! Aber nein, ist nur der Cliffhanger zur Pause) bei diesem Anblick verrückt werden muss. Außerdem wird so ziemlich jeder Monolog entweder von düster dräuender Filmmusik umspült oder den sanften Singer-Songwriter-Weisen von Apples in Space, die als Engelspaar durchs Bild huschen (einer davon ist Haußmanns Sohn Philipp).

Immerhin lässt er viel Raum für die Schauspieler. Bei Christopher Nell ist Hamlet ein pubertärer, dann ziemlich wahnsinniger Junge, rücksichtslos in seinem Hass auf sich und andere, getrieben und zerfressen von seinem Wahn, Werkzeug seines Vaters zu sein. Ein Rebell, der so lange gegen alle anderen ist, bis die auch gegen ihn sind – womit sich sein Weltbild bestätigt.

Roman Kaminski spricht seinen Claudius als Geschäftsmann der Macht hin, Norbert Stöß erdet seinen schmierigen Höfling Polonius mit Pedanterie, Ophelia ist bei Anne Graenzer ein hysterisches Kind im weißen Ballettkleidchen. Einer der wenigen stillen Momente hat Gertrude. Als Traute Hoess von Ophelias Tod berichtet, berührt endlich mal was an diesem gute dreieinhalb Stunden dauernden Abend.

Sonst aber jagt ein Gag den nächsten, illustriert Haußmann, dass es kracht (wenn metaphorisch von einem Schwamm die Rede ist, ist ein echter Schwamm nicht weit), drückt er aufs Tempo, um rasenden Stillstand zu produzieren. Shakespeares Drama, keine Frage, ist so nicht totzukriegen.


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