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21.11.2013

Berliner Morgenpost: Wenn das Betthupferl zur kühlen Strippenzieherin wird

Seitensprünge und ihre Komplikationen sind ein unerschöpflicher Quell für französische Boulevardkomödien, auch auf Berliner Bühnen. Das beweist das Theater am Kudamm mit Helmut Zierl in "Die Wahrheit".

Ein Bett im gesichtslosen Hotelzimmer, die Frau kuschelt sich noch ins Kissen, während der Mann nach seiner verlorenen Socke sucht. Da fragt er: "Und? Wie geht's deinem Mann?" Das allerdings sollte Michel wissen – bei Alices Gatten handelt es sich schließlich um seinen besten Freund.

Seitensprünge und ihre Komplikationen sind ein unerschöpflicher Quell für französische Boulevardkomödien, auch auf Berliner Bühnen zwischen "Achterbahn" am Schlossparktheater und "Paarungen" in der Komödie am Kurfürstendamm.

Nebenan, im Theater am Kudamm, bestätigt jetzt "Die Wahrheit" den Trend eindrucksvoll. Denn natürlich geht's bei so einem Titel ums Gegenteil: um die Lügen, die Michel auftischt, um sich heil durch die Verdachtsmomente seines Freundes Paul und seiner Frau Laurence zu navigieren.

Im Grunde bleibt der französische Autor Florian Zeller im Fahrwasser seines Landsmanns Molière, wenn er Michel als ein nicht besonders cleveres Egoekel zeichnet, das sich aber für ziemlich ausgebufft hält. Ein Business-Gockel, der sich unwiderstehlich findet. Ein Dampfplauderer, der immer mit zweierlei Maß misst. Und der sich immer im Recht sieht, egal, wie sehr die Faktenlage gerade gegen ihn spricht.

Was natürlich irrsinnig komisch ist, wenn sich Helmut Zierls Michel mal wieder in seiner ganzen Selbstherrlichkeit spreizt, während man an den Gesichtern seiner Bühnenpartner schon sehen kann, dass der Kampf ums Rechtbehalten gerade kippt. Denn die sind ihm in Sachen Bluff und Täuschung mindestens ebenbürtig.

Am coolsten bleibt dabei Karin Boyds Laurence, die ihn beim Wort-Ping-Pong ironisch lächelnd am ausgestreckten Arm verhungern lässt. Aber auch Uwe Neumanns Paul ist nicht so treudoof, wie er anfangs scheint, und auch Susanne Berckhemers Alice wandelt sich von Michels ergebenem Betthupferl zur kühlen Strippenzieherin.

Mit seinen zahlreichen Perspektivverschiebungen hält "Die Wahrheit" trotz kleinerer Dialog-Ebben immer wieder die Spannung. Regisseur Peter Lotschak widersteht der Versuchung, zu früh mit den Geheimnissen der anderen herauszurücken – oder gar den Schluss einer Eindeutigkeit preiszugeben.

Rolf Spahns Bühne – wenige, wechselnde Möbel vor einer Lichtwand, deren Farbwechsel die Stimmung vorgeben – deutet schon aufs weitere Schicksal dieser Inszenierung hin: Ab Mitte Dezember 2013 geht sie auf Tournee.


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