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21.11.2013

Berliner Morgenpost: Eintauchen in die wunderbare Welt der Berliner Bäder

"Bäderbau in Berlin. Architektonische Wasserwelten von 1800 bis heute."

"Berlin hat den größten und absolut unattraktivsten Bäderbetrieb Europas", verkündete Berlins neuer Bäderchef Bested Hensing vor kurzem. Ersteres ist nicht zu leugnen, letzteres lässt sich bezweifeln – es kommt immer darauf an, was man von Schwimmbädern erwartet. Wie reich und vielfältig die Auswahl der Berliner Hallen- und Freibäder ist, zeigt der Band "Bäderbau in Berlin". Uta Maria Bräuer und Jost Lehne wagen hier die komplette Darstellung aller bekannten öffentlichen Berliner Bäder von 1800 bis heute.

Der Band ist ein schön gestalteter, bilderreicher Ausflug in die Berliner Stadtgeschichte, die eng mit dem Wasser verbunden ist. So skizzieren die Autoren kurz die Bade- und Schwimmgeschichte von der Antike bis 1800 (im Mittelalter gab es in der Doppelstadt Berlin-Cölln schon mehrere Badehäuser), konzentrieren sich aber auf den Beginn der eigentlichen neuzeitlichen Badekultur, als mit dem Welper'schen Badeschiff das erste Bad auf der Spree eröffnete. Anders als heute in Treptow wurde damals noch im Fluss gebadet. Man muss sich das eher als Sitzbad vorstellen – an Schwimmen war in den kleinen Käfigen im Wasser nicht zu denken.

Dabei erfährt man auch Kurioses aus der Stadtgeschichte: Wellenbecken etwa sind keine Erfindung der Spaßbäder – schon um 1850 gab es ein dampfmaschinenbetriebenes Wellenbad in der Spree. Und dass die Badeanstalten es Ende des 19. Jahrhunderts für angebracht hielten, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass Hunde nicht erwünscht sind, spricht für sich.

247 Schwimmhallen und –bäder haben die Autoren gezählt, von denen heute noch 85 erhalten sind – wenn auch zum Teil umgenutzt. 62 davon gehören aktuell zu den Berliner Bäderbetrieben, die 1996 gegründet wurden, um die Bäder wirtschaftlicher zu machen. Die wichtigsten Einrichtungen werden dabei einzeln gewürdigt, mit vielen Abbildungen und detaillierten Beschreibungen, ohne den Blick auf die Gesamtsituation zu verlieren. Besondere Schwerpunkte legen Bräuer und Lehne dabei auf die um 1900 entstandenen städtischen Volksbadeanstalten. Etliche prächtige Beispiele sind heute noch erhalten (Oderberger Straße, Stadtbad Wedding) oder sogar noch in Betrieb (Neukölln, Charlottenburg, Spandau).

Neben dem Neuen Bauen der 1920er werden auch die Nachkriegsplanungen detailliert geschildert – mit ihren vielen Fotos und teils liebevoll leuchtenden Beschreibungen (etwa die des SEZ in der Landsberger Allee, die sich wie eine Hommage liest) eine Steilvorlage, um die eigenen Erinnerungen aufleben zu lassen.


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