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30.11.2013

Berliner Morgenpost: Der ganz normale Horror an einem Weihnachtsabend

"In der Republik des Glücks" an den DT-Kammerspielen

Früher einmal war Weihnachten ein Anlass, an das Gute im Menschen zu appellieren. Heute lässt sich mit ihm offensichtlich besonders gut zeigen, wie kaputt die Menschen sind. Zum Beispiel in Martin Crimps böser Zukunftsvision "In der Republik des Glücks" an den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Da sitzen Großeltern, Eltern und die zwei Töchter herum, knabbern satt am Festgeflügel und streiten sich über die Geschenke. Das Monströse dieses Reality-Horrors: Moral, Liebe, Respekt wohnen hier längst nicht mehr.

Entsprechend unbehaust wirkt Janina Audicks Bühne, eine Mittelstandswohnung von ausgesuchter Scheußlichkeit: Freudlos und leer gähnt der Raum zwischen Couch-Ecke, Minibar und Terrasse, wo ein Sicherheitszaun die böse Welt ausschließt. Die Kleinfamilie plaudert oberflächlich und derb über Opas Porno-Konsum, den stimulierenden Luxus des Taxifahrens und Debbies Schwangerschaft – Vater unbekannt. Selbst als der grabbelnde Onkel Bob und seine Frau Madeleine, eine elegante Giftspritze, die Party sprengen und ihren geballten Hass ablassen, vergeht ihnen selten das Lachen – alles andere als Dauerironie wäre auch ziemlich uncool, oder?

Entsprechend böse ist auch der zweite Teil voller an Elfriede Jelinek erinnernden Textflächen: Hier beschwören die Protagonisten ihre Einzigartigkeit in gleichlautenden Worten, besingen ihre Traumata und Therapien. Im dritten Teil sind Madeleine und Bob in einer vermeintlich perfekten Welt angekommen – und zutiefst unglücklich. Crimp, einer der meistbeschäftigten britischen Theaterautoren, seziert nicht mit dem Skalpell, sondern mit dem Schlachterbeil. Mit sarkastischen Songs lockert er seinen Zukunfts-Horror auf.

Hinreißend werden sie vom Ensemble gesungen, das ohnehin der Trumpf des eher behäbigen Abends ist: Wie Christian Grashof sich als altersgeiler Schwachkopf spreizt, Margit Bendokat noch die hohlsten Sprüche mit ihrer schleppenden Diktion veredelt, Judith Hofmann ihre Worte mit grandioser Untertreibung entlarvt, das entschädigt ebenso für Längen wie Franziska Machens mondän-fiese Madeleine und der verspielte Zickenkrieg von Natalia Belitski und Lisa Hrdina. Regisseur Rafael Sanchez lädt das Stück mit peinlichen Videos aus den sozialen Netzwerken auf, lässt es aber ansonsten lauwarm verplätschern und verzwergt das Stück zum Trash-Kabarett. Dass es dem gerade im Mittelteil widersteht, spricht für den Text – und die hinreißenden Schauspieler.


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