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02.12.2013

Berliner Morgenpost: Da spielt einer die Rolle seines späten Lebens

Allererste Klasse: Dieter Hallervorden als König ohne Reich in "Sonny Boys"

Im hübsch abgewrackten Hotelzimmer hängt die Hälfte eines alten Plakats, das die "Sonny Boys" in den Wühlmäusen ankündigt. Groß grinst darunter ein sehr jugendlicher Dieter Hallervorden, halb abgeschnitten kann man Philipp Sonntag mit vollen Haaren erkennen. Dazu ein Zitat aus der Berliner Morgenpost: "allererste Klasse!" Natürlich sind Plakat und Zitat frei erfunden, die Namen und Orte sind es nicht.

Denn das, was jetzt am Schlossparktheater läuft, ist zwar immer noch die vielfach verfilmte Knüller-Komödie "Sonny Boys" von Neil Simon, Amerikas erfolgreichstem Broadwayautor. Die Geschichte um ein legendäres Komiker-Duo, das seit Jahren bis aufs Blut zerstritten ist und sich nun wieder zusammenraufen soll für ein TV-Special, würde zwar auch ohne Aktualisierungen und Berlin-Bezüge funktionieren.

Aber treffend sind sie schon – allein deshalb, weil so viele Protagonisten der deutschen Kabarett- und Comedy-Szene schon nicht mehr leben. Und das passt wiederum zum Thema. Beeindruckend ist ja, wie warm und fehlbar Simon seine Helden, wie illusionslos er das Show-Geschäft gezeichnet hat, wie fein er zwischen dem Altherrenhumor der Sketche und dem feinen, lebensklugen Witz der alten Männer unterscheidet. Die deutsche Erstaufführung rundet sich übrigens bald: Am 23. Dezember 1973 standen Bernhard Minetti und Martin Held auf der Bühne – im Schlossparktheater.

Nun ist also Hausherr Dieter Hallervorden der alte König ohne Reich, der sich in seinem heruntergekommenen Hotelzimmer von Fertiggerichten und Zigarren ernährt, während sein Neffe und Agent verzweifelt versucht, für den immer vergesslicher werdenden Komiker Engagements zu finden. Hallervorden hat sich seine Rolle, die hier auch seinen Namen trägt, angezogen wie eine zweite Haut. Er nimmt sie höllisch ernst – da gibt's kein Zwinkern Richtung Publikum, kein Vergröbern und Überzeichnen.

Da spielt einer, so hat man den Eindruck, die Rolle seines späten Lebens – und in gewisser Weise ist dieser Didi ja auch eine Variante jenes Marathon-Rentners, den er gerade erst im Film "Sein letztes Rennen" verkörpert hat. Von dessen Ernst, dessen Würde holt er vieles herüber in diesen erstaunlichen Abend, der natürlich himmelschreiend komisch ist, aber gerade in seinem Witz nie die Würde seiner Protagonisten verrät.

Wie seine Augen blitzen, wenn er in seinen Wortgefechten einen Punktsieg einfährt oder eine Niederlage zum Triumph umbiegt! Wie dann aber sein Gesicht eine wunderbare Tiefe erhält, eine tragische Größe in den Momenten, in denen sein alter Komiker sich der Realität stellt. Das wirkt besonders im Spiel mit Philipp Sonntag, der sich sehr zurücknimmt, einen geradezu steif und würdig gealterten Herrn spielt und dennoch verbal ausholt.

Tilmar Kuhn ist da als Neffe und Agent eher ein Stichwortgeber, Susanna Capurso eine hinreißend schlecht gelaunte Krankenpflegerin, als Sparring-Partnerin im Spitzfindigkeits-Duell Hallervorden absolut ebenbürtig. Vielleicht wird es dermaleinst Plakate geben, die an diese "Sonny Boys"-Aufführung erinnern, darauf wird das Morgenpost-Zitat "allererste Klasse!" stehen. Und das ist dann nicht erfunden.


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