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03.12.2013

Berliner Morgenpost: Der kleine Muck lebte einst in der Berliner Mulackstraße

Das Maxim Gorki Theater zeigt Wilhelm Hauffs Märchen "Der kleine Muck" für kleine Menschen ab sechs Jahre. Darin gibt es nicht nur tolle Figuren, sondern auch eine Neuigkeit: Muck lebte einst in Berlin.

Es nervt! Immer, wenn der Puppentheaterdirektor Dr. Donner so richtig in Fahrt kommt, rennt dieser Junge auf die Bühne und will mitspielen. Hunde kann er nachmachen, angeblich auch fliegen, aber als er das beweisen soll, kommt nichts. Irgendwann ist Dr. Donner so angefressen, dass er der Nervbacke Turban, Weste und Rock hinwirft – schon ist der kleine Muck als reale Figur geboren.

Lernen muss er die Rolle nicht, er kennt sie aus eigener Erfahrung: Einen Kopf kleiner als die anderen auf der Bühne, mit fremdem Akzent in der Sprache, weiß er, wie es ist, nicht dazuzugehören. Und passt damit ziemlich gut ans Berliner Maxim Gorki Theater, das mit "Der kleine Muck" nach Wilhelm Hauffs Märchen weiter an einer postmigrantischen Perspektive werkelt. Autor Soeren Voima (hinter dem sich Christian Tschirner verbirgt) hat die Rahmengeschichte nach Berlin geholt: Muck lebte einst in der Berliner Mulackstraße, wo ihn Dr. Donner als Kind hänselte und dafür vom Vater verdroschen wurde.

Während Aram Tafreshian das als Zirkus-Zampano in glitzerndem Frack und Zylinder mit einem hinreißend schönen Pop-up-Bilderbuch-Bauchladen erzählt, klappt aus dem geschlossenen Vorhang übergroß der Vater mit rollenden Augen und aufgeblasener Straf-Hand. Das ist nur der Beginn einer tollen Figuren-Show, denn Regisseur Christian Weise arbeitet hier mit den Puppenspiel-Studierenden der "Ernst Busch" zusammen. Mit Stabpuppen unter der Halbmond-Kuppel, zweidimensionalen Pappmasken und einer Marionette (Mucks Hündchen, das herzig lebensecht mit dem Schwanz wackelnd ein Sympathieträger ist) übernehmen sie sämtliche Nebenrollen.

Nachdem Muck nach dem Tod des Vaters von seinen fiesen Verwandten vertrieben wurde und bei der bösen Frau Ahavzi die Zauberpantoffeln und den Stab zum Finden verborgener Schätze gefunden hat, landet er beim Sultan. Oscar Olivios Muck nimmt mit seiner berührenden Schreihalsigkeit, seinen großen Seelenspiegel-Augen, seinem weichen Akzent sofort für sich ein. Man identifiziert sich mit ihm – und kann so aus seinen Fehlern lernen. Zum Beispiel dem, sich Freunde mit Geld zu kaufen. Das geht schon wie bei Hauff schief: Muck sitzt plötzlich im Kerker, wo die finstren Papp-Henker eine Figur nach der nächsten Abführen und mit blutigem Beil wiederkommen, bevor die Putzfrau den Dreck wegmacht – die beste Szene, findet übrigens unser Testkind Tom.

Toll sind auch die Videotricks (die Julia Oschatz zusammen mit den Puppen entworfen hat), schwierig ist die Akustik. Falk Effenbergers wilde Musik und Videospiel-Soundeffekte dröhnen in den Ohren, dafür sind die Puppenspieler oft schlecht verständlich. Manchmal geht mit Weise auch der Trash- und Slapstick-Gaul durch, wenn mal wieder die halbe Bühne zusammenkracht, sehr zum Gaudi des jungen Publikums ab Sechs. Am Ende stehen sich Märchen-Happy-End und Zuwanderer-Realität erfrischend unversöhnlich gegenüber – was für die Textfassung und diese lebendige Inszenierung spricht.


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