Archiv Referenzen

06.12.2013

Berliner Morgenpost: Sehnsucht nach der Trickkiste

"Botanica" feiert im Admiralspalast Premiere – und zeigt, warum Tanzshows so beliebt sind

Heftige Böen peitschen über die weiße Fläche, die an Wasser erinnert oder ein Schneefeld. Wellen bilden sich, auch große Wogen, in denen sich seltsame Gestalten aufzubäumen scheinen, halb Mensch, halb tierische Kreatur, im Widerstand gegen die Elemente. Vergebens: Die geisterhaften Gestalten verschwinden wieder in den fließenden Bewegungen des Sturms.

Nein, Xaver ist das noch nicht, vor dem sich Norddeutschland verbarrikadiert, sondern ein erster Effekt von "Botanica", der aktuellen Show im Admiralspalast. Die weiße Fläche ist ein großes Tuch, darunter ahnt man die Körper der Tänzer der amerikanischen Momix-Compagnie. Die hat der heute 64-jährige Choreograf Moses Pendleton vor mehr als 30 Jahren gegründet. "Botanica" ist seine Vision von theatralischem Illusions-Tanz, der eine Mischung aus Modern Dance und sinnenbetörender Show sein will, eine Abfolge von Verzauberungsstrategien bei gleichzeitiger Offenlegung der Mittel – Pina Bausch trifft Friedrichstadtpalast.

Wobei die Betörung klar im Vordergrund steht. Er will zwei Stunden zur Realitätsflucht einladen, zeigen, wie die Welt sein könnte: "Dunkle oder schlimme Geschichten stehen genug in der Zeitung." Womit Pendleton im Trend liegt: Die Sehnsucht nach Illusion, nach Verzauberung lässt nebenan die großen Shows des Friedrichstadtpalasts brummen und die Macher von "Gefährten" im Theater des Westens jubeln. Sie füllt regelmäßig die riesigen Hallen, in denen der Cirque du Soleil auf seinen Welttourneen Halt macht. Ein Erfolg, der auch daran liegen könnte, dass sich die deutschen Stadt- und Staatstheater seit Langem aus dieser Art von Bühnenspektakel zurückgezogen haben. In Kanada etwa gibt es den Bühnenmagier Robert Lepage, dessen faszinierende Kombination von Illusionstricks und berührenden Geschichten sowohl Theater- als auch Spektakelfans begeistern. Und der Erfolg der jungen Regisseure Antú Romero Nunes, der in Berlin von Armin Petras entdeckt und gefördert wurde, und des Ungarn Viktor Bodó, hat sicher auch etwas mit ihrer Faszination für Zaubertricks zu tun, die ihren durchaus fordernden Inszenierungen immer eine kindliche Magie verleihen.

Pendleton und seine Co-Regisseurin Cynthia Quinn versuchen mit verschiedenen Mitteln, genau diesen Zauber herzustellen. Zum Beispiel mit Stangen und Röhren aus dem Baumarkt, mit Poolnudeln (aus dem Schwimmunterricht) und Kisten, aus denen dann insektenartige Wesen oder flatternde Nervenenden werden. Grob folgt die Show den vier Jahreszeiten. Sie beginnt mit dem Winter, wo nach den Stürmen eine Skulptur über die Bühne wogt, halb Ikea-Stehlampe, halb Qualle, vielleicht auch eine Art pflanzlicher Schneekönigin. Dazu winden sich Tänzerinnen aus dem wallenden Bodentuch. Schon bald sind sie vom Winde verweht, dafür sieht man im Dunkeln abstrakte Muster aufleuchten – neongrün gemusterte Arme und Beine dreier Tänzer, die körperlos im Raum zu schweben scheinen.

Erst allmählich kommen Blumen ins Spiel, zunächst mythologisch: Auf einer schrägen Spiegelfläche räkelt sich eine scheinbar nackte Tänzerin zu Lisa Gerrards "Space Weaver", kreiert mit ihrer Reflexion abstrakte Formen –und erinnert zugleich an den Mythos von Narziss, der sich in sein Abbild verliebte, ertrank und zur gleichnamigen Blume wurde. Pendleton spielt hier wie auch später mit einer eher verdrucksten Erotik. Hautfarbene Trikots suggerieren Nacktheit, klassische Paartänze eine keimfreie Zärtlichkeit.

Die Puppen stammen, wie auch die blumenartigen Figuren und Skulpturen, von Michael Curry. Der ist für seine Entwürfe längst preisgekrönt, für das "König der Löwen"-Musical, die Eröffnungszeremonie der olympischen Winterspiele in Salt Lake City 2002 und für den Cirque du Soleil. An dessen Shows erinnert in "Botanica" sowieso vieles, die Verwandlungsfreude, die Verblüffungsstrategien, der tiefe Griff in die Trickkiste. Nur mangelt es immer wieder an der perfekten Illusion, werden schöne Ideen zu lange ausgespielt, viel zu selten mit einer Geschichte unterfüttert. Zum Beispiel, als die fünf Männer der zehn Tänzer umfassenden Truppe als schwarzgelbe Insekten auf die Bühne kommen: Erst wackeln sie bedrohlich mit den Fühlern, dann proben sie zu afrikanischen Rhythmen Imponiergesten zwischen Stammesritual und MTV-Ästhetik. Nun, denkt man sich, müsste doch das Ziel ihrer Anstrengung ins Spiel kommen, die Frauen in Form von Blumen, anderen Insekten. Aber solche Entwicklungen gibt es nicht. Ähnlich die Szene mit den Zentauren, mythologische Figuren, die halb Mensch, halb Pferd sind: Toll, wie die zwei Tänzer, die jeweils ein Wesen ergeben, sich koordinieren, wie ein Organismus wirken. Aber nachdem dieser Effekt einmal vorgeführt wurde, kommt da nichts außer ein paar weiteren Runden, in denen sich die menschlichen Oberkörper gegenseitig drohende Gesten zuwerfen.

Der Show fehlt der innere Zusammenhang. Es ist, als setze da jemand zum großen Sprung an – und traue sich dann doch nicht. Auch die ziemlich beliebige (und oft zu laute) Musikauswahl zwischen Lounge-Entspannung, Underground, Hindi-Rhythmen, heftigen Beats und Vivaldi ist einzig dem Effekt geschuldet. Am Ende ist es Herbst geworden, umtanzen mit buntem Laub bekrönte Figuren Eichenäste. Hübsch ist das, wirklich hübsch. Aber gegen den Winter draußen hat dieser botanisch-mythologische Reigen dann doch keine Chance, weil er nicht wärmt.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt