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24.01.2014

Berliner Morgenpost: Summen, Surren und Trällern

In Berlin wurde Herbert Fritschs Werk "Ohne Titel Nr. 1" uraufgeführt. Der experimentierfreudige 63-Jährige lässt darin ein musikalisches Stück voller Lautmalereien und angedeuteter Arien aufführen.

Jetzt hat er auch noch ein Brett vorm Kopf! Zum ausufernd choreografierten Schlussapplaus tänzelt Herbert Fritsch damit über die Bühne, kommt aber nie bis zur Rampe vor, weil ihm seine Schauspieler immer im Weg stehen. Wer sich derart selbst durch den Kakao zieht, dem kann man kaum böse sein, auch wenn ein Abend ein, zwei Durchhänger hat wie "Ohne Titel Nr. 1" an der Berliner Volksbühne.

Wem, "Murmel Murmel" noch zu schwatzhaft war, dieses existentialistische Ein-Wort-Drama, der wird sich beim neuen Projekt mit dem Untertitel "Eine Oper von Herbert Fritsch" wohlfühlen. Hier und da meint man zwar, etwas zu verstehen, aber ob das nicht eher eine akustische Täuschung ist? Hier brabbeln nämlich alle in Fantasiesprachen (die dennoch an Deutsch, Englisch, Italienisch erinnern), wenn sie nicht gerade Summen, Surren und Trällern – ist ja schließlich Oper!

Zur Ouvertüre versammelt sich das Ensemble mit den drei Musikern Ingo Günther, Fabrizio Tentoni und Michael Rowalska im Orchestergraben, das voller Instrumente steht, wo sie dann an Flügel und Schlagzeug, E-Gitarren und Blockflöten loslegen, dass es herrlich kracht zwischen Neuer-Musik-Pling-Pling und orchestralem Rock. Dann wechseln die Schauspieler auf die Bühne, die Damen in ihren Abend- und Cocktailkleidern, die Herren in ihren Anzügen, allesamt glitzernd und glitternd und mit sich wohlig wellenden Kunststoffperücken gekrönt.

Hier nun geht zu lässigen Latino-Rhythmen der ganz große Show- und Amüsemang-Terror ab: Auf der sonst leeren Bühne steht ein riesiges Sofa, ebenso in Holzvertäfelungs-Optik wie zu Beginn Vorhang und Bühne und später sogar die Kostüme. Spießiger geht's nimmer, blöder natürlich auch nicht. Schließlich sind wir bei Herbert Fritsch, der dem deutschen Theater im überdrehten Humptata den Spaß eingetrieben hat. Also knallen die Schauspieler mit größter Zuverlässigkeit und akrobatischer Virtuosität gegen die viel zu große Armlehne, robben chorisch an die Rampe, grinsen gefährlich um die Wette.

Das Schlimmste aus TV-Unterhaltung und Revueshows, aus Palim-Palim-Sketchen und Magiergesten hat Fritsch hier zum dadaistischen Albtraum gefügt, der dem Publikum zuweilen ziemlich fies ins Gesicht grinst. Wer genau hinsieht, erkennt Chor, Rezitativ und Arie: Immer wieder scheren Einzelne aus, stellen sich an die Rampe und lassen die Sau raus. Das funktioniert manchmal hervorragend, wenn etwa Ruth Rosenfeld mit ihrer Zunge eine faszinierende Schlangenbeschwörungsnummer hinlegt. Bei anderen sieht man ambitioniertes Gehampel, eine Fingerübung in Sachen Körperbeherrschung. Da ist man von der im Ganzen fabelhaft aufgelegten Fritsch-Truppe mehr gewohnt. Am besten sind die Schauspieler ohnehin in den Ensemble-Szenen, wenn sie trappeln und tänzeln, sich ineinander verknoten, eine Schluckauf- und Stöhn-Menschenkette bilden.

Natürlich wird auch gesungen. Von den Profis Ruth Rosenfeld und Hubert Wild, die schon in "Frau Luna" brillierten und hier auf Ah und Uh herrlichste Vokalisen strömen lassen, am schönsten im Duett, aber auch von Axel Wandtke, der piepst, als hätte er Helium inhaliert. Oder vom ganzen Chor, der die Pop-Phrase "Babab Babab" (Schubidu oder Schallala hätten es auch getan) auswalzt oder zur hollywoodesken Liebesszene auf dem Sofa Uhuhu schluchzt.

Dass sich zwischen allen Pirouetten die ein oder andere Luftnummer schleicht, ist vermutlich Absicht, schließlich brodelt es in Fritschs Spaß-Hölle bedrohlich, mündet Gewalt aber stets in der nächsten Pose. Ein Schlag ins Gesicht wird hier zum Chachacha. Vielleicht ist das nicht mal die schlechteste Erkenntnis dieses Abends: Unterhaltung kann ganz schön wehtun.


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