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20.01.2014

Berliner Morgenpost: Muttertier mit diktatorischen Zügen

Katharina Thalbach spielt mit der halben Familie in Berlin in der Komödie am Kurfürstendamm. Sie hat die ganze Bühne im Griff. Alles sitzt. Was allerdings auch die Schwächen des Stückes offenbart.

Sie ist in Berlin vermutlich die einzige, die den Titel Volksschauspielerin wirklich verdient: Katharina Thalbach ist enorm populär in Ost und West, schon seit gefühlten Ewigkeiten dabei, auf der Leinwand und im Fernsehen, vor und hinter der Bühne.

Und sie ist großartig! Jetzt wieder als Mutter Wolffen in "Roter Hahn im Biberpelz", eine Rolle, die sie sich selbst zum 60. Geburtstag geschenkt hat. Mit der halben Familie auf der Bühne der Komödie am Kurfürstendamm. Am Sonntag feierte das Stück Premiere.

Aber das Zentrum bleibt doch sie, dieses Bühnentier mit herrlichstem Berlinerisch, eine Königin der wohldosierten Übertreibungen. Gerade dann, wenn es albern wird, schlägt ihre große Stunde.

Hier etwa, als Amtsvorsteher von Wehrhahn in Hundekot getreten ist, sich mit einem Handtuch die Stiefel abwischt und damit wild gestikuliert, während er den Arm um Mutter Wolffens Schulter legt. Wie da die Thalbach ihr Gesicht verzieht, wie ihr die Augen übergehen, wie sie sich windet und röchelt und sich doch nicht aus der Umklammerung zu befreien wagt, weil die Wolffen ja auf Wehrhahns Wohlwollen angewiesen ist, gerät zum saukomischen Kabinettstück.

Das steht so nicht bei Gerhart Hauptmann, dessen Komödie "Der Biberpelz", am Deutschen Theater 1893 uraufgeführt, so erfolgreich war, dass er 1901 die Fortsetzung "Der rote Hahn" hinterherschickte. In beiden geht es um die Wäscherin Mutter Wolffen, die sich bauernschlau durch die Welt trickst, wildert, stiehlt, später die Versicherung betrügt – und immer damit durchkommt, weil der Amtsvorsteher derart borniert und beschränkt ist, dass er das Offensichtliche nicht wahrhaben will.

Für die Version am Kudamm hat Thalbachs Halbbruder, der Regisseur Philippe Besson, beide Stücke ordentlich zusammengestrichen und aneinandergeklebt. In Stummfilm-Einspielern deutet er in Albtraumszenen die Themen und das Zeitkolorit an. Auf Momme Röhrbeins multifunktionaler Stufenbühne dann, wo sich Pult und Tisch ausklappen lassen, die sich aber auch als Sinnbild für das obrigkeitshörige Kaiserreich anbietet, wuseln die Menschlein unter schweren Perücken und angeklebten Bärten.

Was schon zur Unterscheidung der Figuren sinnvoll ist, weil Thalbachs halbe Familie und eine Hand voll Kollegen über 20 Rollen stemmen – Tochter Anna etwa spielt neben der Wolff-Tochter Leontine auch Frau Motes und den trotteligen Amtsgehilfen Glasenapp, Enkelin Nellie neben der schnippischen Wolff-Tochter Adelheid auch den behinderten Rauchhaupt-Sohn Gustav, dem Mutter Wolffen später die Brandstiftung in die Schuhe schiebt.

Und Halbbruder Pierre Besson stolpert als ängstlicher Vater Wolffen über die Bühne, stolziert aber auch als dummdreister Wehrhahn herum, eine Art Mini-Wilhelm-Zwo.

Nur Katharina Thalbach bleibt das strippenziehende Muttertier mit diktatorischen Zügen. Sie hat die ganze Bühne im Griff, jede Geste, jeder Satz ein Treffer. Was allerdings auch die Schwächen dieses dreistündigen Abends offenbart.

Denn neben ihr verblassen die andern (Ausnahmen: Besson und Roland Kuchenbuch), und die zunehmend müder werdende Inszenierung ist – trotz einiger politischer Zuspitzungen – über weite Strecken ein Theater, das sich nicht zwischen Herbert-Fritsch-Pirouetten und Komödienstadl entscheiden kann.


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