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29.01.2014

Berliner Morgenpost: Glückskekse sind das neue Orakel

Das Performance-Kollektiv Turbo Pascal entwickelt ein Theaterprojekt mit Kreuzberger Schülern. Wünsche, Ängste, aber auch konkrete Ideen der Jugendlichen stehen hier im Mittelpunkt. Ein Probenbesuch.

Wenn so Alpers Zukunft aussieht, dann ist sie nicht gerade rosig: Gemeinsam stürzen sich die Mädchen zu dumpf dröhnenden Bässen auf ihn, schlagen ihm ins Gesicht. Geldscheine wirbeln durch die Luft, Alper brüllt ihnen hinterher: "Ihr habt doch nur gelogen!" "Okay!", ruft Frank Oberhäußer von Turbo Pascal und unterbricht. Während die Musik runtergedreht wird, stellt er sich zu den vier Jugendlichen, alle zwischen 14 und 15 Jahren alt, und geht die Szene noch einmal mit ihnen durch. Dann schlägt er vor: "Ihr schmeißt die Glückskekse in den Raum, die anderen stürzen sich drauf." Er reißt eine Tüte auf und macht es vor, sofort beginnen die Jugendlichen zu diskutieren, wer werfen darf.

Glückskekse? Wir sind im Hebbel am Ufer (HAU) auf der Probe zu "Weissagungen", ein Projekt, das das Performance-Kollektiv Turbo Pascal mit Schülern der 9. Klassen der Kreuzberger Hector-Peterson-Gesamtschule entwickelt. Die liegt nahe am Theater und Partner des House-Clubs, dem Schulprojekt des HAU. Turbo Pascal interessieren sich seit ihrer Gründung 2004 für menschliche Formen des Zusammenlebens – in Berlin zuletzt an den Sophiensälen, wo sie mit "8 Stunden (mindestens)" zum gemeinsamen Schlaflabor luden. Für ihre dritte Arbeit mit Peterson-Schülern – heute Abend ist die Premiere im HAU 3 – haben sich Frank Oberhäußer, Veit Merkle, Angela Löer und Margret Schütz die Zukunft vorgenommen. "Immer wissen die Erwachsenen ganz genau, worauf es ankommt, um sich auf die Zukunft vorzubereiten", sagt Merkle. "Dabei können das junge Leute genauso gut." Deshalb haben die Performer mit Peter Handkes "Weissagungen" unterm Arm (zentrales Zitat: "Jeder Tag wird ein Tag sein wie jeder andere.") die Schüler in langen Interviews nach ihren Hoffnungen und Ängsten befragt.

Herausgekommen ist viel Material: "Oft gehen die Gedanken nicht weiter als bis zum Schulabschluss", sagt Merkle. "Wenn man aber weiter fragt, werden Reibungen an der Tradition und mit der Familie deutlich. Damit können uns damit auseinandersetzen." Die eigentliche Herausforderung ist, das mit ausgewählten Schülern auf die Bühne zu bekommen. "Mit Ansagen wie 'Lies mal diesen Handke-Text' kommt man nicht weiter", erzählt Schütz. "Die Jugendlichen lassen sich nichts überstülpen. Man muss sich da von Probe zu Probe vortasten." Viel der knappen Probenzeit von drei Wochen nutzen Turbo Pascal dafür, Rahmen zu schaffen, "in denen sich keiner blöd fühlt".

Schnell wird klar: Die Jugendlichen stehen hier im Mittelpunkt, ihre Wünsche, Ängste, aber auch ihre konkreten Ideen. "Wir zeigen Szenen, in denen wir mögliche Zukünfte sichtbar machen", erklärt Oberhäußer. Zum Beispiel eine Hochzeit: Weit bauscht sich Rayans Hochzeitskleid aus Folie, wild flattert ihr Schleier im Wind. Aus den Boxen dröhnt Oriental-Pop, Aysche und Hadia tanzen – eine Szene wie aus einem Bollywood-Film. Vor ihr wirft Alper die Glückskekse Richtung Publikum.

Die Glückskekse sind heute das, was in der Antike das Orakel war – also für Prognosen zuständig. Dass sie mal heiraten werden, ist für die Jugendlichen eine ziemlich ausgemachte Sache. Zum Beispiel für Aysche, die sich beim Blick in die Zukunft in der Bäckerei sieht, wo sie auch jetzt schon jobbt – "und mein Mann geht bis abends arbeiten". Dabei hätte sie durchaus Lust, mit dem Spielen weiterzumachen, "aber auf jeden Fall beim Film."

Aysche und Rayan spielen auch in der Theater-AG der Schule, Hadia hingegen erklärt ihr Dabeisein lapidar: "Ich hab kein Praktikum gefunden, deshalb." Das Theaterprojekt wird in der Schule als Praktikum anerkannt und geht auch weit über das Proben und Spielen hinaus: Die Jugendlichen sind an der Ideenfindung zu Kostümen und Bühne beteiligt, haben das HAU kennen gelernt, in Technik und Öffentlichkeitsarbeit reingeschnuppert.

Fünf Schüler fehlen heute, dennoch proben die verbliebenen vier intensiv weiter. Angst vor der Zukunft haben sie keine. "Ich mag es, wenn die Dinge einfach auf mich zukommen", sagt Hadia. Sie will Sozialpädagogin werden, Rayan Polizistin: "Ich mag das Spielen, aber ich kann es nicht." Auf der Bühne merkt man von dieser Selbsteinschätzung wenig. Wobei es ohnehin noch schwierig ist, in dem Gewusel klare Strukturen zu erkennen. Mal verheddert sich der Ventilator in den durchsichtigen Folien, mit denen die Bühne abgehängt ist, mal reden alle durcheinander. "Darf ich jetzt die Glückskekse werfen?", fragt Alper, obwohl Hadia gerade dabei ist, Oberhäußer eine türkische Hochzeitstradition zu erklärt.

Leicht sind die Proben nicht, erzählt Merkle: "Oft gibt es harte Verhandlungen mit den Schülern, was geht und was nicht. Wir müssen viel erklären, viel begründen." Und auch mal vorspielen: Einmal thematisierten die Turbo-Pascaler ihre eigenen Ängste, was es für die Schüler einfacher machte, selbst einzusteigen, sich zu öffnen. "Wichtig ist es, ins Improvisieren zu kommen", sagt Merkle. Damit "Weissagungen" nicht nur eine weitere Produktion von Turbo Pascal, sondern eine gemeinsame Sache wird.


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