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03.02.2014

Berliner Morgenpost: Grenzgänger zwischen den Welten

Regisseur Sebastian Nübling schätzt spartenübergreifende Produktionen. Am Maxim Gorki Theater in Berlin-Mitte hat er jetzt eine neue Heimat gefunden.

Als Neu-Intendantin Shermin Langhoff das Programm ihres Maxim Gorki Theaters vorstellte, war dieser Name die größte Überraschung: Sebastian Nübling wird – zusammen mit Nurkan Erpulat und Yael Ronen – als Hausregisseur die künstlerische Handschrift von Berlins kleinstem Stadttheater mitprägen. Nübling ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Theaterregisseure, ein preisgekrönter Grenzgänger, dessen Arbeiten in Berlin bislang vor allem als Gastspiele zu sehen waren.

Seine erste Gorki-Inszenierung ist ein Kassenschlager: die Uraufführung des Sibylle-Berg-Stücks "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen" ist auch für den Friedrich-Luft-Preis 2013 der Berliner Morgenpost nominiert. Dabei klingen die Voraussetzungen nicht gerade nach Knüller: eine eigenwillige zeitgenössische Autorin, eine leere Bühne, vier Schauspielerinnen.

Doch der Energie, die von der Bühne schwappt, kann man sich kaum entziehen. Mit der witzig-bösen Suada, die Berg einer aggressiven jungen Frau in den Mund legt, entfachen Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micasein ein Feuerwerk der Sprachnuancen bei Ganzkörpereinsatz – so viel chorische Differenzierung bei gleichzeitiger sportlicher Verausgabung ist selten.

Überzeugt am Angebot, als Gorki-Hausregisseur zu arbeiten, hat Nübling das klare Programm des Hauses. "Ich hatte sofort Lust, da zu arbeiten." Seitdem ist er auch beratend tätig, etwa bei der Auswahl des Ensembles. Zwei, drei Mal hatte er sich Vorsprechen in Berlin angesehen, außerdem einige Schauspieler vorgeschlagen, nachdem Langhoff ihre Vorstellungen skizziert hatte. Zum Beispiel Dimitrij Schaad, den Nübling aus der gemeinsamen Arbeit in Amsterdam kennt.

Entspanntes Verhältnis zu Berlin

Nüblings neuer Job heißt allerdings nicht, dass er dafür in Berlin wohnen müsste. Mit seiner Familie lebt der 53-Jährige in Hausen im Wiesental, unweit von seiner badischen Geburtsstadt Lörrach. Orte findet Nübling ohnehin nicht entscheidend für die Entstehung von Theaterabenden. Wichtiger sind ihm die Menschen und sozialen Zusammenhänge. Seit Jahren arbeitet er mit seiner Theaterfamilie zusammen, die im Kern aus dem Musiker Lars Wittershagen und der Bühnenbildnerin Muriel Gerstner besteht: "Es ist toll, nicht jedes Mal von vorne anfangen zu müssen, sondern sich gemeinsam kritisch weiterentwickeln zu können."

Zu Berlin hat Nübling ein entspanntes Verhältnis. Zwei seiner drei Kinder studieren hier, sechs Mal war er beim Theatertreffen zu Gast, zuletzt sorgte er im Mai 2013 mit "Orpheus steigt herab" aus München für einen Festivalhöhepunkt. Einmal hat er an der Schaubühne inszeniert, "Gespenster", das war 2007. Jens Hillje, damals Chefdramaturg der Schaubühne, ist heute Shermin Langhoffs Co-Intendant. Nübling und Hillje kennen sich schon seit ihrem Studium in Hildesheim.

Dort hatte Nübling eine akademische Karriere gestartet – und erste praktische Schritte in der freien Szene gewagt. Als Mitbegründer des Theater Mahagoni war er acht Jahre Schauspieler und Musiker. "Wir hatten keine eigene Spielstätte, für jedes Projekt haben wir einen anderen Ort gefunden. Aus diesem Ort, dieser Situation heraus haben wir etwas Neues entwickelt."

Er fremdelt mit dem Apparat

Eine Erfahrung, die er mitnahm, als er sich relativ spät als Regisseur professionalisierte. Zum Beispiel am Jungen Theater Basel. Das ist nicht die Jugendsparte des renommierten Theater Basel (wo Nübling später mehrfach inszenierte), sondern ein Haus mit zweieinhalb festen Mitarbeitern ohne eigenes Ensemble, das jährlich zwei Inszenierungen für junges Publikum zeigt und sie danach auf Tournee schickt. Das Junge Theater ist auch Koproduzent von Nüblings Berg-Abend – schon aus praktischen Gründen.

Als Nübling von der Gorki-Leitung wegen einer Mitarbeit angefragt wurde, war er längst verplant – kurz vor Weihnachten hatte seine Basler Inszenierung von "Die Klasse" nach dem Roman "Entre les murs" von François Bégaudeau Premiere. Hier arbeitete er mit einer echten Schulklasse zusammen, die jeden Tag von 10 bis 15 Uhr probte. Danach traf er sich mit der Choreografin Tabea Martin und den Schauspielerinnen, um mit ihr an der Inszenierung für Berlin zu arbeiten. Erst für die letzten drei Proben vor der Premiere flog das gesamte Team an die Spree.

Konzentration auf den Text

Obwohl Nübling nun schon lange erfolgreich an Stadt- und Staatstheatern inszeniert, sagt er: "Ich fremdele noch immer mit dem Apparat, der Struktur, den ökonomischen Bedingungen. Das wirkt sich auch auf die inhaltliche Arbeit aus." Er schätzt die Arbeit unter einfachen Bedingungen, die Konzentration auf einen Text, die Schauspieler. Ein eindeutig wiedererkennbarer Stil lässt sich bei Nübling nicht ausmachen. "Es gibt klare konzeptionelle Linien, die sich dann im Probenprozess chaotisieren", sagt Nübling. "Die Arbeit wird stark von dem geprägt, was die Leute mit- und einbringen. Die soziale Dynamik prägt jede Produktion."

Das gilt insbesondere für spartenübergreifende Produktionen. Etwas, das Nübling schon lange reizt: In seiner Basler Inszenierung von "Dido und Aeneas" (in Berlin beim Theatertreffen 2007 zu sehen) und in "Judith/Juditha Triumphans" bei den Salzburger Festspielen lotete er die Grenze zum Musiktheater aus, in "Three Kingdoms" (das die Autorentheatertage 2012 am Deutschen Theater zeigten) inszenierte er in drei Sprachen mit Schauspielern aus Deutschland, Großbritannien und Estland. 2011 arbeitete er am Zürcher Schauspielhaus in "SAND" mit Tanz: Auf einer Bühne, die mit dicken Schichten des titelgebenden Materials bedeckt war, hatte Nübling zusammen mit dem belgischen Choreografen Ives Thuwis vornehmlich junge Schauspieler tanzen lassen.

Im Sommer geht's um Männer

Im Sommer will Nübling das Format als seine zweite Gorki-Produktion weiterentwickeln: "Nur der Untergrund wird mitgenommen", verspricht er. "Mit dem neuen Ensemble kommt auch ein neues Thema". Bei der Arbeit in der Schweiz ging es um Formen des Zusammenlebens, wie sich eine Gruppe von Aussteigern findet und formiert. In Berlin werden Nübling und Thuwis mit einem reinen Männerensemble arbeiten: "Es geht um Männerbilder, Machismen, Gewalt und Darstellung von Gewalt in den Medien – und um die Frage: Wofür stehen diese Bilder von prügelnden männlichen Jugendlichen? Kann man diese Bilder auch symbolisch lesen, dass da nämlich Stellvertreter für ein agressives gesamtgesellschaftliches Potential gezeigt werden und nicht nur als Darstellung tragischer individueller Schicksale?"

Die Grenzgänge zwischen den Genres haben ihn auch am Konzept des Gorki fasziniert. Schließlich gehört das Überschreiten von Gender-, Sprach- und Herkunftslinien zur DNA des Hauses, wo man auch nicht-deutsche Akzente und Sprachen hört und Musik eine große Rolle spielt. Alles Elemente, mit den Nübling bislang äußerst erfolgreich Theater gemacht hat. Es klingt ein bisschen, als wäre er in Berlin angekommen, wenn er sagt: "Am Gorki habe ich das jetzt."


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