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11.02.2014

Berliner Morgenpost: Eine Stimmung wie in den Zelten am Oranienplatz

"Tee im Harem des Archimedes" an den DT-Kammerspielen

"Ibrahim muss bleiben" steht auf dem Transparent, das ein paar Premierenbesucher beim Schlussapplaus ausrollen und: "Zwangsverlegung = Deportation". Das ist kein Teil der Inszenierung, das ist die Realität: Ibrahima Baldé stammt aus Guinea, lebt seit eineinhalb Jahren in Berlin und soll nach Dortmund verlegt werden, weil jetzt sein Asylverfahren offiziell beginnt und Asylbewerber nach einem bestimmten Schlüssel auf Deutschland verteilt werden.

Noch aber steht Baldé auf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters. Womit man mitten drin ist in der Problematik, die "Tee im Harem des Archimedes" zu umreißen versucht. Nuran David Calis, der hier 2010 mit "Schattenkinder" das bürgerliche Trauerspiel aktualisierte, will von der Migranten-Realität in Deutschland heute erzählen, indem er Mehdi Charefs Roman von 1983 mit echten Flüchtlingen inszeniert.

Charef schildert in einfacher, direkter Sprache vom rauen Alltag einer verlorenen Generation junger Migranten in den tristen Beton-Vorstädten von Paris. Und zeichnet nebenbei das berührende Porträt einer Freundschaft zwischen Madjid und Pat. Während Ensemble-Mitglied Christoph Franken Roman-Passagen vorliest und später in allerlei Nebenrollen schlüpft, werden die Hauptfiguren von Ibrahima Baldé und Marof Yaghoubi – ja, was eigentlich? Gespielt? Verkörpert? Anwesend gehalten? Mit hoher körperlicher Präsenz stehen sie auf der Bühne, die Worte leiht ihnen Franken. Erst, als sie ihre eigene Geschichte erzählen, dürfen sie sprechen – auf Englisch und Deutsch.

Das ist gut gedacht, säuft aber in seiner chaotischen Umsetzung ziemlich schnell ab. Die Bühne mit ihrer Betontristesse auf zwei Ebenen versinkt in einer Materialschlacht aus schrägen Schaumstoffpuppen, Stühlen, Styropor, während im Hintergrund die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten in Endlosschleife läuft. Später herrscht eine Stimmung wie auf dem Oranienplatz –  da singen alle Weltverbessererlieder im Gazezelt, auf das vorher ein Ausschnitt aus Charefs erfolgreicher Roman-Verfilmung von 1985 projiziert wurde.

Von der Story bekommt man ziemlich wenig mit, weil Franken sich in den Lese-Passagen schnell in die hysterische Übertreibung schraubt und auch sonst eher durch Ganzkörpereinsatz statt Figurenzeichnung auffällt: Masse statt Klasse. Toll hingegen die vielschichtige, vielrhythmische Musik von Ketan und Vivian Bhatti. Mit ihrer Verschmelzung von Orient und Okzident skizziert sie eine Utopie, von der die Realität noch weit entfernt ist.

Was allerdings wenig hilft angesichts der Tatsache, dass in Calis’ ästhetischem Splatterallerlei auch die Fluchtgeschichten von Baldé und Yaghoubi untergehen. Erst, als sich zum Applaus die Demonstranten formieren, erkennt man, wie bitter sich die Linien der Flucht bis ins Heute fortsetzen. Da hat einen der Abend aber schon längst verloren.


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