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21.02.2014

Berliner Morgenpost: Bühnenzauber, der auf Darsteller ganz verzichtet

"Der Klang der Offenbarung des Göttlichen", ein musikalischer Islandtrip an der Volksbühne

Musiktheater an der Volksbühne ist ja nichts Neues: Schon vor Jahren hat Hausherr Frank Castorf hier Richard Wagners "Meistersinger von Nürnberg" satirisch aufgebrochen, hat Sebastian Baumgarten mit "Tosca" wichtige Impulse gesetzt und Herbert Fritsch in "Frau Luna" das Genre Operette zum schrägen Elektro-Gaudi verfremdet.

Insofern muss man sich wirklich nicht wundern über "Der Klang der Offenbarung des Göttlichen". Was hier in 60 Minuten passiert, ist zugleich grandios verwegen und grandioser Kitsch: Frei von Darstellern zeigt die Bühne in vier Akten gemalte Landschaften auf Pappprospekten. Da wallt das Meer zwischen Felsen, während Blitze zucken, da rieselt der Schnee im Märchenwald, da brennt ein Haus zwischen verschneiten Felsen, da leuchtet langsam die Morgenröte am Ausgang einer Eishöhle auf.

Die eigentlichen Protagonisten sitzen und stehen im Graben: der 16-köpfige Berliner Filmchor und das Deutsche Filmorchester Babelsberg mit etwa 30 Musikern in romantischer Besetzung. Hier webt und wogt es melancholisch dräuend oder auch sinnlich schwingend in gebrochenen Akkorden und dunkel gefärbten Dreiklängen, die sich dank minimalistischer Endlosschleifen zielsicher ins Ohr fräsen. Filmmusik, für die die Babelsberger die richtigen Interpreten sind, komponiert von Kjartan Sveinsson, der lange Jahre Keyboarder der isländischen Postrock-Band Sigur Rós war.

Wo Sigur Rós aber durchaus auch mal schräg und verrätselt aufbrausen, wo es bei ihnen geheimnisvoll vibriert und orgiastisch orgelt, kreist Sveinsson artig um die immer ähnlichen Klangfloskeln. Das trägt eine Weile als Wohlfühlsoundtrack, aber nicht alle vier kurzen Akte hindurch, die der Abend entsprechend der vier Teile von Halldór Laxness’ Roman "Weltlicht" hat. Der isländische Literaturnobelpreisträger von 1955 schildert darin den Weg eines Dichters durch alle Schicksalsschläge hindurch zur Kunst. Von Laxness stammen auch die wenigen Texte, pathosschwangere Natur- und Lebensbetrachtungen, vom Filmchor zu Klangschönheit veredelt.

Was Ragnar Kjartansson (der Maler und Bildhauer vertrat Island 2009 auf der Biennale Venedig) als Regisseur und Bühnenbilder veranstaltet, ist eine Versöhnung von Caspar David Friedrich und John Cage, von Friedrich Schinkel und der Avantgarde, ein theatergeschichtlicher Bühnenzauber, zu naiv, um wahr zu sein, aber eben auch fernöstlich meditativ und radikal in seinem Ausblenden jeglicher Handlung. Es ist die Überhöhung der isländischen Natur in wackelnden Kulissen, unfreiwillige Komik und Pathosüberdosis inklusive – geerdet von längeren Umbaupausen, in denen Huster und Lacher nicht viel von der Chor-Behauptung übrig lassen, dass allein die Schönheit herrsche.


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