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06.02.2014

zitty: Traum im Traum im Traum

Die Performancekünstlerin Anne Tismer inszeniert mit dem inklusiven Theater Thikwa eine surrealistische Groteske

Das da was neben der Spur läuft, fällt einem erst beim zweiten Lesen auf: „Der diskrete Schwarm der Bourgeoisie“ nennt sich die Aktion, die Anne Tismer und das Theater Thikwa gerade erarbeiten. Luis Buñuels Filmklassiker von 1972 heißt aber „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“. Was schon mal dafür spricht, dass Tismer und die Thikwas das surrealistische Prinzip des Films weiterdenken. Für irre Szenen jedenfalls bietet Buñuel genügend Stoff. Ein paar Exemplare der Oberschicht verabreden sich immer neu zum Essen, aber immer kommt irgendetwas dazwischen: Mal erscheinen die Gäste am falschen Tag, mal haben die Gastgeber miteinander Sex, als die anderen vor der Tür stehen, mal stürmt das Militär die Versammlung. Was von den Szenen Traum (oder sogar Traum im Traum), was Realität ist, bleibt offen.

Das passt zu Tismer. Seit sie ihre Schauspielkarriere an den Nagel hängte, lotet sie als bildende Künstlerin und Performerin die Grenzbereiche zwischen genial und gaga aus. Sie gründete mit anderen zusammen das Ballhaus Ost (ein Projekt, aus dessen Leitung sie ausgestiegen ist, das sie aber weiterhin begleitet), war „Hitlerine“ und „Woyzeckine“ und suchte zwischen herrlich schrägen Strickobjekten „Roberta“, die weibliche Form des fliegenden Robert aus dem „Struwwelpeter“. Außerdem initiierte sie zahlreiche Projekte mit Künstlern aus Togo, einem Land, in dem sie lebt, wie sie sagt.

Beim Struwwelpeter-Projekt arbeitete sie zum ersten Mal mit dem Theater Thikwa zusammen. Neben dem RambaZamba ist das Thikwa Berlins professionelles inklusives Theater – und gleichzeitig künstlerische Werkstatt. Behinderte Künstler erhalten hier eine Ausbildung und eine Vergütung, stehen mit nicht-behinderten Künstlern auf einer Bühne, gastieren bei anderen Film- und Theaterprojekten. Immer stärker überschneidet sich so die Arbeit von "normalen" und "behinderten" Künstlern, wenn Regisseure wie Frank Abt und Kollektive wie Monster Truck mit dem Thikwa kooperieren.

Oder eben Anne Tismer. Drei gemeinsame Projekte sind bislang entstanden, zum Beispiel beim Festival Grenzenlos Kultur in Mainz 2012, wo bei „Das Plastikgespenst der Freiheit“ schon einmal ein Buñuel-Film als Vorlage diente. „Ich bin mit Buñuel aufgewachsen“, erzählt Tismer.

Was aber ist an der Zusammenarbeit mit den Thikwa-Künstlern so faszinierend, dass es immer wieder zu Kooperationen kommt? „Sie sind alle auch bildende Künstler“, sagt Tismer – wie sie selbst, die seit Jahren an fantastischen Strickobjekten werkelt. Mit den Objekten aus Wolle, Pappe und Pappmaché hat die Arbeit zum „Diskreten Schwarm“ auch begonnen. Tismers Versicherung, „es genau so zu machen wie im Film“, muss man dabei nicht wörtlich nehmen. Wer ihre Koproduktionen mit Thikwa kennt, weiß um den anarchischen Charme, die unerwarteten Brüche, den durchaus krachenden Witz, den so ein Abend haben kann. Womit sie dann tatsächlich ziemlich nah bei Buñuel wäre.


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