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22.02.2014

nachtkritik.de: Warze kehrt heim

Der Freund krank – Milan Peschel verlegt Nis-Momme Stockmanns Erzählung von schrumpfenden Landschaften an die Route 66

Es gibt einen Begriff, der vielleicht nicht gerade zur Versachlichung der gesellschaftlichen Debatte beiträgt, aber doch von schlagender Bildlichkeit ist, wenn es um das herrschende Wirtschaftssystem und seine Folgen geht: Wildwest-Kapitalismus. Vielleicht steht deshalb auf der Bühne der Kammerspiele des Berliner Deutschen Theaters ein Haus, das mit seinen Holzwänden und den leeren Fensterhöhlen aussieht wie das einer Geisterstadt aus jenem Wilden Westen.

Eine Geisterstadt droht schließlich auch der Ort zu werden, an den der Protagonist in Nis-Momme Stockmanns Stück "Der Freund krank" aus der Metropole zurückkehrt: Der lokale Arbeitgeber hat zugemacht, die Bundesstraße B1, einst Lebensader, macht nun einen Bogen ums Kaff, das bald von einer Autobahn durchschnitten werden soll. Zum allgemeinen Verfall kommt nun auch noch der private, als der namenlose Erzähler seinen besten Freund Mirko wiedersieht. Der hat den Verstand verloren und vegetiert nurmehr vor sich hin. Oder, wie seine Frau Nora, die Jugendliebe des Erzählers, glaubt: verweigert sich vollkommen.

Erzähler trifft es übrigens ganz gut, denn Stockmann hat in Zeiten, da Bühnen fast so gerne Romane auf die Bühne stellen wie die Klassiker der Dramatik, gleich selbst eine 160-Seiten-Ich-Erzählung geschrieben, weit mehr innerer Monolog und Bewusstseinsstrom als Dialog, alles konsequent aus der Perspektive des Protagonisten – (schein)kritische Reflexion inklusive.

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