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04.03.2014

Berliner Morgenpost: Seelentröstender Streuselkuchen

Ein Stück voller BER-Witze und Ost-West-Verbrüderung: "Café ohne Aussicht" in der Komödie am Kurfürstendamm bietet Songs, von denen man nicht genug bekommt. Das bügelt Handlungs-Klischees aus.

Man muss am Kurfürstendamm heute wahrscheinlich lange suchen, um eine Spelunke zu finden, die noch derart charmant abgewrackt aussieht wie das "Café Schöne Aussicht": Die geschwungene Leuchtschrift funktioniert nur halb, die Jukebox gar nicht, auf dem Klavier türmt sich der Nippes. Die Wände hätten dringend frische Farbe nötig, die Holzvertäfelung neue Politur und die Gardinen eine Wäsche.

Auch die Menschen in "Café ohne Aussicht" wirken irgendwie ramponiert: Felix, der Kellner, der viel zu nobel im Frack herumspaziert, Frank, der Barmann mit Hang zur alkoholischen Selbstbedienung und Bang, der schwule Koch, der seelentröstenden Streuselkuchen backen kann. Die drei Brüder haben nur noch zwei Sloty in der Kasse, hohe Mietschulden und die Kündigung im Haus. Dabei gibt's das Café in Familienbetrieb doch schon seit Kaisers Zeiten.

Allmählich schleichen sich in die Tristesse mit Zufallsgästen (die meist gleich wieder gehen) erste Melodien der Café-Besitzer, bis ein Penner, der sich zufällig als Pianist herausstellt, die rettende Idee hat: Macht doch eine Bar mit Livegesang aus dem Laden! Also wird der Ideengeber ebenso rekrutiert wie der singende Handwerker aus Ost-Berlin und die fiese Maklerin, die sich als überforderter Crossdresser entpuppt.

Und dann wird gesungen. Was ja ohnehin die Hauptsache ist bei den Berlin Comedian Harmonists, die sich 1997 bei der legendären Produktion "Veronika, der Lenz ist da" über die echten Comedian Harmonists am Kurfürstendamm zusammenfanden. In Berlin und auf mehreren Tourneen spielten sie das Stück über 600 Mal – und blieben auch danach zusammen, um zahlreiche Konzerte zu geben und an weiteren Theaterabenden zu werkeln.

Mittlerweile gehört nur noch die Hälfte zur Originalbesetzung, aber singen können sie immer noch. Vor allem zusammen klingen sie frisch und nuancenreich, während in den Soli die hohen Lagen schon mal ausdünnen. In "Café ohne Aussicht" präsentieren sie Repertoirehits wie "Ich wollt', ich wär' ein Huhn", aber auch Neuinterpretationen bekannter Hits wie Peter Fox' "Schwarz zu blau". Die hat Franz Wittenbrink arrangiert, der mit Liederabenden wie "Sekretärinnen" oder "Männer" Karriere machte und bei "Café ohne Aussicht" auch für die Regie und – gemeinsam mit Co-Autorin Anne X. Weber – für den Text verantwortlich ist.

Was leider nicht nur die oft herrlich ironischen Liedumschreibungen betrifft (so wird aus "I will survive" von Gloria Gaynor "Ich will ein Eis"), sondern auch die Dialoge. Die aber sind so platt, dass sich ein Nachspielen des Stücks nicht nur wegen des Lokalkolorits verbietet. Die Handlung strotzt vor Unwahrscheinlichkeiten (ein Makler, der sich wegen der Frauenquote in eine Maklerin verwandelt), Klischees (der Investor-Grieche heißt Katastrophoulos und meckert über Berlin) und klebriger Hauruck-Romantik (der Makler verliebt sich in den Koch, gleich verschwinden sie in der Küche, um sich später nur noch anzuzicken).

Entsprechend schwer haben es die Sänger des Ensembles, schauspielerisch Funken zu schlagen, was vor allem Philipp Seibert und Horst Maria Merz gelingt. Das fällt immerhin zunehmend weniger ins Gewicht, weil der zweite Teil des Abends von Auftritt zu Auftritt eilt, wo die Lieder im Vordergrund stehen.

Wittenbrink hat überdies viele hübsche Berlin-Momente in sein Stück gepackt zwischen BER-Witzen und Ost-West-Verbrüderung. Und die Songs, die haben es in sich, davon kann man nicht genug bekommen. Was auch erklärt, warum sich das Publikum vor der dritten Zugabe zu stehenden Ovationen erhebt.


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