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06.03.2014

zitty.de: Bleiben oder Gehen?

Das Festival "Leaving is not an option?" im HAU stellt Freies Theater aus Ungarn vor

Ungarn besitzt eine der lebendigsten freien Szenen Europas. Sie hat Namen wie Viktor Bodó (2010 eingeladen zum Berliner Theatertreffen), Belá Pintér und Kornél Mundruczó als Theaterregisseure hervorgebracht, steht allerdings ziemlich unter Druck. „Leaving is not an option?“ fragt das HAU und zeigt mit einem kleinen Festival, was Ungarns freie Szene, die mit erheblichen Einschränkungen kämpft, noch kann.

In flankierenden Podiumsdiskussionen wie „Gehen oder bleiben?“ mit Pintér (13.3.) und „Es ist ein Leben ohne Illusionen“ mit Mundruczó (16.3.) wird nach Antworten auf die Krise gesucht. Die betrifft zum einen die Künstler als liberale Opposition, zum anderen die Gruppen und Häuser. Seit die rechtskonservative Fidesz-Partei von Ministerpräsident Viktor Orban bei den Parlamentswahlen im April 2010 die absolute Mehrheit erreichte und die rechtsextreme Jobbik zweitstärkste Oppositionspartei wurde, baut sich Ungarn machtpolitisch und ideologisch radikal um. Was natürlich auch die ungarische Kulturpolitik betrifft, die politisch aufgeladen wird wie lange nicht: So wurde Róbert Alföldi, der international arbeitende Regisseur, als Intendant des Nationaltheaters durch einen nationalkonservativen Kollegen abgelöst. Der Regierung war er zu liberal, zu schwul, außerdem wurde über seine jüdische Abstammung gemunkelt. Antisemitismus ist gerade durchaus ein Problem in Ungarn.

Gründe, die dazu beitragen mögen, dass allein in den letzten Jahren 500.000 Ungarn ihr Land verlassen haben. Viele Theatermacher bleiben, brauchen allerdings die Kooperationen mit und Einladungen nach Westeuropa, um überleben zu können. Denn das 2009 nach langem Kampf beschlossene Gesetz, das den freien Gruppen eine staatliche Förderung von 10 Prozent ihres Budgets garantierte, wurde von der Orban-Regierung umgehend kassiert. Dafür gibt’s jetzt eine Förderung, die sich an den Einnahmen orientiert: Weil das Geld pro verkauftem Ticket fließt, sind große (und kommerzielle) Häuser im Vorteil.

Schon oft hat das HAU Gastspiele aus Ungarn gezeigt, die sich oft durch eine Art magischen Realismus auszeichnen. Oft lassen sich die kraftvollen Bilder und Anspielungen als Metapher sowohl auf die sozialistische Diktatur wie auf die aktuelle Regierung lesen. Mundruczó, zuletzt mit „Schande“ nach Coetzee am HAU, kommt nun mit „Dementia, or the Day of My Great Happiness“ nach Berlin: Ein bekanntes psychiatrischen Krankenhauses in Budapest wird von einem Investor aufgekauft, der die Patienten auf die Straße setzt. Csaba Polgárs Version von „Korijolánusz“ nach Shakespeare, übertragen ins Ungarn nach der Wende, war bereits zum renommierten Festival „Radikal jung“ nach München eingeladen. Dazu kommen vier Deutschlandpremieren. Das spannende Begleitheft lässt sich schon jetzt auf der HAU-Homepage herunterladen.


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