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10.03.2014

nachtkritik.de: Held und Geld

"Rein Gold" – Nicolas Stemann inszeniert an der Staatsoper Berlin ein assoziierendes Musiktheater nach Elfriede Jelinek und Wagners "Ring"

Bedeutung ist zuweilen nur die Frage eines Buchstabens. Einmal kommen die drei Rheintöchter, wilde Mischungen aus Gothic- und Partygirls, mit einer rollbaren Schultafel herein, klappen sie auf und singen gewohnt jubilierend: "Rheingold! Rheingold! Leuchtende Lust, wie lachst du so hold und hehr!", während sie auf die Kreidelettern des Wortes weisen. Nicht minder triumphierend nimmt Wellgunde dann den Schwamm und löscht das H aus. Woraufhin Woglinde und Floßhilde farbig das Rest-Wort überkritzeln.

Womit Elfriede Jelineks Wagnerüberschreibung "Rein Gold" hübsch illustriert wäre. Zum Golde drängt, am Golde hängt in Elfriede Jelineks jüngeren Bühnentexten immer alles, aber hier treibt sie es auf gewohnt ausufernden, 130 eng beschriebenen A4-Seiten doch noch einmal auf die Spitze. Was durchaus schlüssig ist, hat doch Wagner in seiner Tetralogie die Geburt der Weltmachttragödie aus dem Geist der Schulden geschaffen: Weil Chefgott Wotan sich die Burg Walhall bauen lässt, sie aber nicht bezahlen kann, muss er an den titelgebenden Ring kommen, der als mächtige Währung aber zugleich die Macht besitzt, die herrschende Ordnung zu stürzen. Wagner hat den frühen Kapitalismus sogar komponiert: In der Ambossmusik des Alberich.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass ihr in der "Rein Gold"-Fassung der Berliner Staatsoper eine besondere Bedeutung zukommt: Da werden die herrlichsten Perkussionsinstrumente hereingefahren aus Gongs, Waschbrettern und Spiralen, auf denen sich aus dem Wagner'schen Ohrwurmrhythmus ein veritabler Fabriklärm entwickelt. Das ist ebenso beeindruckend wie die übrige Musiküberschreibung von David Robert Coleman, der das "Ring"-Best-of hier und da verfremdet, Sequenzen in Loops steigert, rhythmisch verschiebt oder Störgeräusche einbaut, aber im Ganzen doch das Original blühen lässt (was die hundertköpfige Staatskapelle unter Markus Poschner lustvoll in den wohligen Rausch treibt).

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