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06.03.2014

nachtkritik.de: Was das Theater (nicht) ermöglichen sollte

Dresden schreibt an Lewitscharoff, Berlin bietet Sarrazin eine Bühne

Das Theater ist – bestenfalls – ein Ort der Auseinandersetzung, der Diskussion, der Verständigung. Muss es sein, damit es nicht zur Kunst(gewerbs)maschine verkommt. Aber was muss es an Thesen und Argumenten aushalten? Alles? Um diese Frage ging es gerade erst beim Streit darum, ob das Berliner Ensemble den Berliner Ex-Senator, Bestsellerautor und Stammtischthesendrescher Thilo Sarrazinzum Podiumsgespräch hätte einladen dürfen, obwohl viele Passagen seiner Bücher sehr mit einer menschenverachtend rechtspopulistischen Ecke flirten.

Vielleicht hilft es, den Blick über Berlins Tellerrand zu richten, um die Frage zu beantworten, was Theater kann und darf. Am Dresdner Staatsschauspiel gibt es die "Dresdner Reden". Seit mehr als zwei Jahrzehnten halten auf der großen Bühne "Persönlichkeiten aus Kunst, Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft" "eine Rede zur Zeit", wie es auf der Theaterhomepage heißt. In diesem Jahr sprach neben Heribert Prantl, Jürgen Trittin und Roger Willemsen auch die Schriftstellerin und Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoffihre Rede lässt sich hier nachhören. Unter dem Titel "Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod" redete sie 50 Minuten lang über die ersten und die letzten Dinge. Was in der Erkenntnis gipfelt: "Mein Schicksal liegt in Gottes Hand und nicht in meinen Händen."

Das bedeutet für sie einerseits die Absage an die künstliche Lebensverlängerung der "Apparatemedizin". Das bedeutet für sie andererseits die Ablehnung der künstlichen Befruchtung. Dass sie die Reproduktionsmedizin ablehnt, ist ihr gutes Recht. Ihre Schlussfolgerungen aber sind erschreckend (und haben viel mit Thilo Sarrazin zu tun): Das "gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse" erscheine ihr "derart widerwärtig", "dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft." Insbesondere, wenn sich über die Reproduktionsmedizin zwei Frauen oder zwei Männer einen Kinderwunsch erfüllen, wie sie weiter ausführt (Sarrazin grüßt vernehmlich).

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