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14.03.2014

Berliner Morgenpost: Expertin fürs Chaos

Die israelische Regisseurin Yael Ronen inszeniert im Berliner Gorki-Theater. Sensible und ernste Themen geht sie mit einer großen Portion Humor an. Mit ihrer Familie lebt sie in Neukölln.

Sie hat in Berlin bislang gerade einmal drei Abende inszeniert – und ist doch aus der Stadt längst nicht mehr wegzudenken: Yael Ronen, die israelische Regisseurin und Dramatikerin, gehört seit dieser Spielzeit neben Sebastian Nübling und Nurkan Erpulat zu den Hausregisseuren am Gorki Theater. Ihre Fassung von Olga Grjasnowas Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" am zweiten Abend des Eröffnungswochenendes schlug – nach Erpulats eher thesenhaft holzschnittartigem "Kirschgarten" – bei Kritik und Publikum ein. Ironiesatt und doch zärtlich zeigt sie Menschen, die sich nicht auf eine nationale Identität, eine Rolle festlegen lassen. Ein liegender Baum und eine Hand voll Requisiten genügen, um eine komplexe, warm pulsierende Geschichte zu erzählen.

Ronens zweite Arbeit am Gorki hat am 14. März Premiere: "Common Ground". Die "gemeinsame Basis" bezieht sich ebenso auf Interessen und Erlebnisse wie auf den Boden. Den teilten sich einst Bosnier, Serben und Kroaten in Jugoslawien, bis der Staat in den 90er-Jahren blutig zerbrach. Ronen suchte sich fünf Schauspieler, die in Jugoslawien geboren wurden und in den Kriegswirren nach Deutschland kamen. Zum Beispiel Aleksandar Radenković aus dem Gorki-Ensemble und Dejan Bućin, der lange am Berliner Ensemble spielte. Wie in allen ihren Stücken entstand der Text als Teamarbeit aller Beteiligten.

Ronens Idee, diese Schauspieler, die Kinder waren, als der Krieg begann, zusammen in eine Konfliktgruppe zu stecken, erinnert an ihre Erfolgsproduktion "Dritte Generation" an der Schaubühne. Äußerst komisch und temporeich lotete sie da die Konfliktlinien zwischen jungen Israelis, Palästinensern und Deutschen aus; die Inszenierung tourt seit 2008 weltweit und steht immer noch im Spielplan. Der entscheidende Unterschied: Anders als die Protagonisten von "Dritte Generation" haben die Schauspieler in "Common Ground" Krieg und Gewalt am eigenen Leib erfahren – als Kinder, als sie am verletzlichsten waren. Gemeinsam fuhr das Team nach Bosnien: "Das hat viele Wunden geöffnet. Der Abend zeigt uns dabei, wie wir auf diese Reise zurückblicken."

Seit ihrem ersten Berlin-Gastspiel 2007 mit "Plonter" gilt Ronen als Konfliktexpertin – und seit "Dritte Generation" als Anwärterin auf eine Theatertreffen-Einladung. Meist diskutieren die Protagonisten in ihren Arbeiten dialektisch sämtliche Argumente durch. Das muss nicht unbedingt zu einer Lösung führen, wie "Dritte Generation" und ihr Religionsabend "The day before the last day" zeigen. Aber es macht die Komplexität von Themen sichtbar, die enorm anfällig sind für populistische Vereinfachungen.

Ronen ist mit 37 Jahren keine Jungregisseurin mehr, auch wenn sie sich immer noch wundert, dass sich aus dem Chaos der Proben am Ende vorzeigbare Abende ergeben. Zur roten Lockenpracht trägt sie beim Interview Amy-Winehouse-Wimpern und lange Fingernägel – auf der einen Seite grüne, auf der anderen orangefarbene. Was man als Symbol lesen könnte für die möglichen Konfliktlinien, die ihre Biografie durchziehen. Sie stammt aus einer Theaterfamilie: Ihr Vater ist künstlerischer Leiter des Habima Theaters in Tel Aviv, ihre Mutter arbeitet als Schauspielerin, ihr sechs Jahre jüngerer Bruder Michael inszeniert erfolgreich am Ballhaus Naunynstraße.

Unter ihrer Regie stand ihr Bruder am Schauspielhaus Graz auch als Schauspieler auf der Bühne in "Hakoah Wien", das das Gorki als Gastspiel zeigte. Darin erzählt Yael Ronen leicht verschlüsselt ihre Familiengeschichte: Ihr Großvater war Athlet beim legendären jüdischen Sportklub Hakoah Wien, der sich vor allem mit seiner Fußballmannschaft einen Namen machte. Als überzeugter Zionist emigrierte er 1936 unter dem Eindruck des auch in Österreich wachsenden Antisemitismus nach Palästina. Dass er ging und auch seine sechs Geschwister, später seine Eltern folgten, rettete die ganze Familie.

Wie ihr Vater und ihr Bruder besitzt sie neben der israelischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft, ihr Name Ronen ist lediglich die hebräische Übersetzung des Familiennamens Fröhlich. Als wären das nicht schon genug Welten, ist Yael Ronen zudem mit einem palästinensischen Israeli verheiratet und lebt gerade vorwiegend in Neukölln, wo ihr Mann die Einkäufe auf Arabisch erledigen kann und ihr Sohn in einen deutschen Kindergarten geht. Neulich, erzählt sie, habe es durch die Badezimmerdecke getropft.

"Mein Mann hat die Handwerker gerufen – es waren Männer aus Palästina. Später hat er mit dem Vermieter telefoniert, der sich als Israeli herausstellte. Danach schrieb er mir eine SMS: Warum sind wir eigentlich in ein anderes Land gezogen, wenn hier die Verhältnisse so sind wie zu Hause?"

Berlin sei "ideal für Einwanderer", sagt Ronen, "eine sehr akzeptierende Stadt", offen, vielfältig. Hier ist das Gorki Theater zu einer Art Heimat geworden, wo sie sich "am richtigen Ort zur richtigen Zeit" fühlt.

Zum neuen Team um Shermin Langhoff und Jens Hillje (der Ronen einst in Israel entdeckte) gehört auch Dramaturgin Irina Szodruch, mit der sie schon an der Schaubühne zusammengearbeitet hat. Außerdem schätzt sie die "positive Energie des Gorki-Publikums". Das Gorki ist natürlich auch der passende Ort für Projekte wie "Common Ground", wo die Schauspieler ihre Kindheitserlebnisse und Herkunft aus einer Berliner Perspektive betrachten. So wird die Stadt selbst zum Teil der Erzählung, zum gemeinsamen Ausgangsort für die Vergangenheits- und Konfliktsuche der Schauspieler, zu ihrem Common Ground.
Erstaunlich allerdings, wie ungeheuer leicht sie solche Debattenthemen szenisch jongliert. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich ihre Schauspieler auf der Bühne, treiben die Szenen unter Hochdruck in den Witz, der oft schwerelos ist, selbst wenn er einen bitteren Nachgeschmack besitzt und plötzlich nachdenklich macht. Um ihn dann mitten in Emotionen zu überführen, die frei sind von Ironie und Sarkasmus. "Ich finde Humor sehr wichtig, um über ernste Dinge zu reden", sagt sie. "Er hilft den Mitwirkenden auf der Bühne, aber auch dem Publikum, sich emotional zu öffnen und verhindert, didaktisch zu werden."


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