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01.04.2014

Berliner Morgenpost: Verrätselt, ahnungsvoll, faszinierend

Ziemlich heutig: Ein Doppelabend in der Staatsoper-Werkstatt mit Dittrich und Kafka

Wenn ein Performer das Schild "Ich kann keine Kunst mehr sehen" herumträgt, bekommt das in einem Stück mit dem Titel "Die Blinden" eine spannende Doppelbödigkeit. Wir können sie sehen, zum Glück: Von der Decke hängen seitenverkehrt Frühstückstisch und Bett, Spiegel reflektieren den Raum, ein Guckkastenzimmer wird zwar nie betreten, sich aber später einmal um sich selbst drehen. Ein Schau-Labyrinth ist dieser Raum in der Werkstatt des Schiller-Theaters, eine Kunstinstallation voller Rätselbilder und Verweise: Spuren aus schwarzem Klebeband führen zu Collagen aus Partiturseiten, Uhren rasen vor sich hin, hinter dem Podest für die Musiker steht senkrecht ein großes Bett, in dem die Sänger in ihren Kostümen der ehrenwerten Gesellschaft um 1900 stehend ruhen.

 

Das Publikum sitzt während dieses 90-minütigen Doppelabends mittendrin auf Kissen und Stühlen, die es sich selbst organisieren muss, spart ehrfurchtsvoll das Cembalo in der Raummitte aus und muss doch aktiv schauen und hören, um all die Andeutungen und Schichten der visuellen wie der akustischen Erzählung wahrzunehmen. Paul-Heinz Dittrichs szenische Kammermusiken aus den frühen 1980er Jahren "Die Blinden" nach einem Stück von Maurice Maeterlinck und "Die Verwandlung" nach Franz Kafkas berühmter Erzählung haben es in sich: Verrätselt sind sie, düster, ahnungsvoll, von einer atemberaubenden Komplexität, aus denen unvermittelt virtuose Klangschönheit ausbricht und wieder verstummt.

In "Die Blinden" stellt Dittrich den fünf Sing-Sprechern ein Bläserquintett gegenüber, dessen Wärme sich merkwürdig mit der Aussichtslosigkeit einer Gruppe von Blinden reibt, die ihren sehenden Anführer verloren haben. Kalt fräst sich hier das Cembalo hinein, das oft klingt wie ein durchgeknallter Synthesizer. Dem lässt sich leichter folgen als Dittrichs Kafka-Anverwandlung "Die Verwandlung", weil sich hier das Wegbrechen aller Gewissheiten auch in den fünf hervorragend ausgeführten Sängerstimmen ausdrückt, die sich zu Violine, Cello und Bassklarinette oft rhythmisch vertrackt überlagern und am Ende eindrucksvoll verröcheln. Aus der Geschichte von Gregor Samsa, der sich in einen Käfer verwandelt und so zum Ausgestoßenen wird, hat Dittrich nur die wörtlichen Reden genommen und sie Ausschnitten aus Kafkas "Brief an den Vater" gegenübergestellt, eine einzige Anklage und noch größere Selbstbezichtigung.

Was wiederum mit der Biografie des 83-Jährigen zu tun haben dürfte, der zu den markantesten Komponisten der DDR gehörte, der sich ästhetisch nie hat auf Linie bringen lassen und dafür im Osten gegängelt und im Westen gefeiert wurde. Eine Situation, die er in seinem Werk reflektierte. Das ist sperrig, aber spannend, eher episch als dramatisch – und damit ziemlich heutig.

Was Regisseur und Ausstatter Thomas Goerge mit seinem faszinierenden Raum stärker aufgreift als mit seiner eher statischen Inszenierung: Ein Performer bedient die Live-Kamera und liest später Kafkas "Brief". Ein zweiter schreitet durch den Raum, zwischen den Zuschauern umher, hält Schilder hoch, setzt sich auf den "Stuhl der Angst".

Mit Angst kennt sich Goerge aus: Schließlich war er sowohl am Bühnenbild zu Christoph Schlingensiefs Bayreuther "Parzival" als auch am Raum von dessen "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" beteiligt. Aus Schlingensiefs Operndorfprojekt aus Ouagadougou stammen auch die beiden Performer. Was insofern gut passt, weil es Dittrich um Außenseiterpositionen geht, um soziale Dynamiken, auch um die Hoffnung auf eine lebenswertere Zukunft.


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