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12.05.2011

Berliner Morgenpost: Mit 60 endlich angekommen

Voller Energie tobte Herbert Fritsch früher als Schauspieler über die Bühne. Heute, als Regisseur, ist er genauso rastlos, aber zufriedener. Ein Treffen.

Immer 150 Prozent, immer nah an der Raserei, an der absurden Pirouette, dem Über-Slapstick – so hat man den Schauspieler Herbert Fritsch aus seiner Zeit an Frank Castorfs Volksbühne in Erinnerung. 15 Jahre lang gehörte er dort zu den Unverzichtbaren. Als er 2007 kündigte, hatte Fritsch keine Ahnung, was kommen würde. Nun, vier Jahre später, hat er seine neue Rolle gefunden: Als Regisseur wurde er gleich zwei Mal zum Berliner Theatertreffen 2011 eingeladen und ist damit die dominierende Persönlichkeit des Festivals.

Laut und hysterisch ist seine Regiehandschrift, anarchisch-barock und dabei sofort identifizierbar: Seine grell geschminkten und leuchtend gewandeten Schauspieler brüllen, geifern, brabbeln, sie verkrampfen ihre Fäuste, rollen mit den Augen, schneiden Fratzen. Fritsch lässt mit seinen Schenkelklopfern die Stadttheater erbeben. Ihre Klassiker erkennen die Zuschauer bei ihm kaum wieder, bekommen dafür aber einen geordneten Anarchismus, der das Gemachte des Theaters sichtbar macht. Ihre Zutaten aus Omas Theater und Enkels Wildheit sind nicht neu, die schaurig-schöne Mischung ist’s allerdings: Hier umarmen sich Opernpathos und Slapstick-Action, das Horror-Märchen und die Komödie, die visuellen Zutaten des Boulevards und eine absurde Gestik.

„Ich will den Stoffen nichts aufdrängen,“ sagt Fritsch, „sondern ich befrage sie, knete sie durch. Was erzählt mir ein Text, wenn die Schauspieler Fratzen schneiden, ihre Körper verdrehen? Das ist wie die Befragung eines Orakels.“ Im Detail wirkt sein abgründiges Clownstheater oft willkürlich, im Ganzen saukomisch. „Lachen und Weinen sind die extremsten Formen des Berührtseins und damit Teil der Schönheit, die Theater haben kann“, sagt Fritsch. Jenseits des Zwerchfell-Schmerzes aber entwickeln seine Abende klare Haltungen. Zum Beispiel im Schweriner „Biberpelz“, wo Machtstrukturen als solche ihr Fett weg kriegen: Brigitte Peters bauernschlaue Mutter Wolffen ist die einzig klar Denkende unter lauter grell-debilen Obrigkeits-Fratzen. Die einen treten, die andern buckeln – verbogen und verlogen sind sie alle.

„Ich hasse Lässigkeit, das Coole und finde den Krampf viel komischer, berührender“, sagt Fritsch. „Das Abgeklärte, Distanzierte, Ungestische interessiert mich nicht.“ Dafür umso mehr die Hysterie, „das ist der Zustand, in dem wir uns befinden.“ Er meint die Gesellschaft – und bezeichnet damit doch auch den Fritsch-Hype. Der sich schon mal gegen ihn wendet – bei der Theatertreffen-Premiere ließ das Publikum seinen „Biberpelz“ eiskalt abblitzen, Claus Peymann brüllte: „Werde wieder Schauspieler, Herbert! Regie kannst du nicht!“

Über solche Begebenheiten kann sich Fritsch, der Überzeugungstäter, diebisch freuen. Er selbst wirkt – anders als seine Volksbühnencharaktere von einst – überhaupt nicht durchgeknallt. Nur wenn er einen Kollegen parodiert oder sich über arrogante Kritiker und Intendanten mokiert, weicht sein süddeutsch gefärbter Plauderton einer Schärfe, einer spontanen Karikatur, einem beißenden Witz, die an den alten Bühnen-Fritsch erinnern.

Seine Form des entfesselten Theaters musste er sich hart erarbeiten. Geboren wurde Fritsch in Augsburg, wo er – nach Umwegen über die Oberpfalz und Hamburg – die mittlere Reife ablegte. Die Puppenkiste spielte keine Rolle, dafür der andere große Augsburger Bertolt Brecht, über den er die Literatur entdeckte: „Ich hab seine Gedichte mit mir rumgetragen und konnte ‚Über den Beruf des Schauspielers’ und die ‚Schriften zum Theater’ fast auswendig.“ Erst später hat er sich davon gelöst, lange nach seiner Ausbildung an der renommierten Otto-Falkenberg-Schule in München, „da hatte ich schon viel Mist gemacht mit diesen Theorien im Kopf. Man muss sich gehen lassen, loslassen können, nicht berechnen, regulieren.“

Diese Erkenntnis versucht er nun seinen Schauspielern zu vermitteln. Er selbst war als Schauspieler, wiewohl erfolgreich in Düsseldorf und Berlin, nie so richtig glücklich. Jetzt, mit 60, rast er mit derselben Energie, mit der er früher über Castorfs Bühne tobte, zwischen den Stadttheatern hin und her, inszeniert in Halle, Bremen, Wiesbaden fünf, sechs Produktionen im Jahr. Normal sind vier Produktionen. Wenn Fritsch mal zwei Wochen Pause hat, geht sofort die rote Lampe an, wie Leute berichten, die ihn gut kennen: Da könne man doch vielleicht noch eine kleine Produktion einschieben...

Auslöser für Fritschs Regiekarriere war einerseits seine Technikbegeisterung: Kameras zogen ihn an, er experimentierte mit Fotografie, dann mit Film und ließ sich ein Verfahren zur dreidimensionalen analogen Verzerrung patentieren. Seit Jahren schon arbeitet er am Video-Marathon hamlet_X: Fritsch zersplittert Shakespeares Drama als „Geschichte, die immer Gültigkeit hat“, spinnt sie weiter, setzt von der Typographie bis zur Nachbearbeitung alle Hebel in Gang, um eine eigene Welt zu erschaffen. Von den geplanten 222 Videofilmen stehen bislang 58. Finanziell ist das bestenfalls ein Nullsummenspiel: „Das haben meine Projekte so an sich, ich weiß auch nicht, was ich falsch mache“, sagt Fritsch und grinst.

Zum anderen fragte ihn Peter Carp, damals noch Schauspielchef in Luzern, seit 2008 Intendant in Oberhausen, ob er nicht etwas inszenieren wolle. Fritsch, der bis dahin nur zwei kleine Sachen beim Volksbühnen-Theaterspektakel 1993 inszeniert hatte, wollte: Molières „Der Geizige“. Mit historischen Kostümen, altmodischer Bühne, „also allem, was es an der Volksbühne nicht gab. Ich wollte an die Anfänge des Theaters zurück“. So ist es geblieben: Er stellt den Schauspieler in den Mittelpunkt, arbeitet ohne Kameras und Projektionen – „schließlich geht es um den Schauspieler im Augenblick – das ist mit reproduktiven Medien nicht zu machen.“

2007 war das. Seitdem sind unter Carp in Oberhausen vier weitere Inszenierungen entstanden, die nächste ist in Arbeit. Wie auch in Schwerin, wo am 20. Mai Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“ Premiere hat – nicht mehr im kleinen E-Werk wie noch der „Biberpelz“, sondern im Großen Haus. Das ist für einen Ausflug nicht weit, aber um einen echten Fritsch zu sehen, muss man nicht zwangsläufig reisen: Im Sommer inszeniert der Wahlberliner an der Volksbühne die Boulevardklamotte „Die spanische Fliege“ von Franz Arnold und Ernst Bach, die zuletzt an der Komödie am Kurfürstendamm gespielt wurde; Premiere ist am 29. Juni.

Aus dem Spieler ist ein Beobachter geworden, einer, der seinen Kollegen die zuvor gemachten Erfahrungen ersparen will: „Ich weiß, was man als Schauspieler aushalten muss, ich kenne die körperlichen und psychischen Gefahren, die Demütigungen. Ständig wird man dazu gedrängt, an den Rand des Äußersten zu gehen.“ Seine Schauspieler fordert er deshalb dazu auf, ihrer Lust nachzugehen, gerade die Dinge auszuprobieren, die ihnen die anderen Regisseure verbieten: „Es geht um die Lust der Verführung und Verkleidung, darum, das Publikum mit dieser Lust anzustecken, dann wird man auch von ihm getragen!“

Seit dem Seitenwechsel geht es ihm gut, er ist – so paradox das klingen mag – endlich angekommen am Theater: „Innerhalb der Ensembles war ich nie ein besonders beliebter Mensch“, sagt Fritsch. „Jetzt habe ich die neue, wunderbare Erfahrung gemacht: Die Schauspieler freuen sich, wenn ich komme und was mit ihnen machen will, die haben Spaß!“


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