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31.03.2014

Berliner Morgenpost:Alles nur Theater - Menschenfresser unter sich

George Taboris "Kannibalen" auf der BE-Probebühne

Das ist ungeheuerlich: Elf KZ-Häftlinge kochen einen Mithäftling, damit sie selbst nicht vor Hunger sterben. Am Ende gehen neun von ihnen dann doch lieber in die Gaskammer, als von der unmenschlichen Suppe zu essen. George Tabori hat diese parabelhafte Handlung in "Die Kannibalen" skizziert, 1969 in in der Werkstatt des Schillertheaters mit Michael Degen erstaufgeführt.

 

Taboris finstre Trauerarbeit – das Stück ist seinem Vater gewidmet, einem Budapester Journalisten, der in Auschwitz ermordet wurde – hat Philip Tiedemann jetzt auf die BE-Probebühne gebracht. Als schräges Quadrat schiebt sich dort die schwarze Spielfläche in den Raum, auf der die Schauspieler mit Kreide den Ort markieren: Schlafbuchten hinten, vorne eine Herdplatte; bald kommen reale Tische und Bänke hinzu.

Dass die Darsteller die Sohnesgeneration der Ermordeten ist, die hier therapeutisch das Unbegreifliche nachspielen, muss man dennoch wissen, um die Struktur mit den vielen Erinnerungsschlaglichtern der Gefangenen und den Kommentaren der zwei Überlebenden zu verstehen. Nur sie tragen gestreifte KZ-Häftlingskluft unterm Mantel, den anderen lassen die Kostüme ein Teil ihrer bürgerlichen Vergangenheit. Eine Würde, um die sie allerdings die alten Männer vom Berliner Ensemble bringen. Sie alle kauen genüsslich auf ihrem einen Tick herum, dass es schon wieder eine fiese Komik hat. Aber das kalte Grausen, das Tabori zwischen die bitteren Pointen spannte, fällt so aus. Stattdessen deutet der blutrote Vorhang an: alles nur Theater.

Zwei Szenen zeigen, was möglich gewesen wäre. Zum einen das Verhör, als Sabin Tambreas Medizinstudent Klaub dem Anwalt von Menschlichkeit und Anstand im KZ, Onkel (Martin Seifert), vorwirft, eine mögliche Flucht verhindert zu haben. Weil er anständig bleiben wollte, besser als die Nazis. Während die zwei verbal hart aufeinander losgehen, sprechen und stampfen die anderen einen unerbittlichen Rhythmus. Und dann Schrekinger, "ein Engel des Todes", der die KZ-Häftlinge vor die Wahl stellt, die Menschensuppe zu essen oder ins Gas zu gehen: Tabori-Witwe Ursula Höpfner-Tabori pflügt mit kalt-schneidender Präsenz durch die Erinnerungsidylle. Da aber bestimmt den Grundton des Abends längst ein joviales Raunen, das ein Erschrecken oder Erkennen kaum möglich macht.


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